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Aufgabe der Pädagogik in Bezug auf Emotionen

Andere Erfordernisse des Lebens haben meine Beschäftigung mit den Emotionen und ihre Bedeutung in der Bildung für zwei Tage in den Hintergrund gedrängt und es fällt mir etwas schwer mich an den letzten Stand zu erinnern und wieder den Einstieg zu finden.

Die Auseinandersetzung mit Inhalten des Readers von Buddrus (1992) hat mich in eine schwierige Lage versetzt. Er stellt Fragen nach der Bedeutung der Emotionen in der Pädagogik, die auch mich beschäftigen, die Antworten, die sich im Buch finden, nutzen mir jedoch letztlich wenig. Einerseits repräsentieren sie den Wissensstand einer vergangenen Zeit und die Suche danach, was die Autoren daraus entwickelt haben, ist nicht hilfreich. Auch in seiner Literaturliste kann das Buch aufgrund seines Alters keine Unterstützung für die Recherche bieten. Es ist eine Sackgasse.

Andererseits sind die beschriebenen Übungen zur Förderung einer Bewusstheit der Gefühle (der hier verwendete Begriff für Emotionen) vor allem auf die Wahrnehmung des Individuums von sich selbst ausgerichtet. Buddrus erwähnt dazu in der Einleitung, dass er neben anderem soziale und politologische Aspekte ausklammert.

Insgesamt präsentiert es Lösungen, Praktiken und Techniken einer vergangenen Zeit, an die ich mich noch gut erinnere, die für mich inzwischen unzureichend sind, das Buch gibt keinen Hinweis auf das, was sich daraus weitergehend entwickelt haben könnte. Das Wissen und die verwendeten Techniken waren zum damaligen Zeitpunkt meiner Einschätzung nach allerdings vollkommen ausreichend, es war ein großer Fortschritt sich der eigenen Emotionen bewusst zu werden, einen entspannteren Umgang damit zu finden, ihre Existenz zu berücksichtigen und sie sichtbarer werden zu lassen, es ist aber alles viel zu sehr auf das einzelne Individuum bezogen und daher nur ein erster Schritt. Und es bleibt die Frage danach, was in der Zwischenzeit möglicherweise weiterentwickelt wurde.

Bei den Fragen nach den Aufgaben der Pädagogik in Bezug auf die Emotionen versuche ich daher vorerst eigenständig diese in drei Bereiche zu unterteilen.

  1. Die Vermittlung der Anforderungen einer vielfältigen Gesellschaft in Bezug auf Emotionen.
  2. Förderung von Wissen in Bezug auf Emotionen im Interesse des Individuums. Dazu gehören Kenntnisse über die eigenen Emotionen und des Umgangs damit als auch Kenntnisse zum Erkennen der Emotionen und des Umgangs mit ihnen, die bei anderen auftreten.
  3. Förderung der Reflexionsfähigkeit beider Bereiche.

Die ersten beiden Punkte bewegen sich im pädagogischen Spannungsfeld zwischen Anpassung an gesellschaftliche Anforderungen und Entfaltung des Individuums und stehen in einem engen Zusammenhang mit Erziehung. Hier müssen Problematiken von Regulierung für das Individuum, wie Entfremdung, Unterdrückung und zu stark einschränkende Begrenzung, in Balance gebracht werden mit den Anforderungen, die für Gemeinschaften schädlichen Emotionen und den Umgang damit zu kontrollieren. Besondere Beachtung erfordern dabei die Auswirkungen von Machtkonstellationen.

Der dritte Punkt repräsentiert für mich am stärksten die Ansprüche und Anforderungen von Bildung im Sinne der Aufklärung als Schulung der Vernunft. Es ist die Befähigung über das was im Bereich der Emotionen vor sich geht und Verwendung findet zu reflektieren. Das kann dafür eingesetzt werden Problematiken zu erkennen und den Umgang mit Emotionen zu verbessern, aber auch nur um ein besseres und bewussteres Verständnis zu entwickeln.

Buddrus (1992, S. 37) bemerkt, dass er bei der Beschäftigung mit der Geschichte des pädagogischen Dilemmas im Umgang mit den Gefühlen festgestellt hat, dass viele Problemstellungen schon lange bekannt sind, je nach Zeitgeist ganze Dimensionen aber aus dem Blick geraten können. Ich sehe hier einen Zusammenhang damit, dass aufgrund der Art des Umgangs mit dem Themenbereich Emotionen eine Reflexion aus einer übergeordneten Perspektive nur unzureichend erfolgt (dazu: Tagung Bildung und Emotion).

Ich hatte über lange Zeit mit der Problematik zu tun, dass sich Emotionen immer wieder dem Blick entzogen und dadurch verschwunden sind. Sie haben in der Tradition der Betrachtung des Menschen und seiner intra- und interpersoneller Beziehungen in diesem Kulturkreis anscheinend keine Position, die es fortdauernd erforderlich macht auf sie zu achten. In der Beobachtung von politischen und ökonomischen Vorgängen lässt sich feststellen, dass das emotionale Erleben von Menschen keine Priorität hat und die Zielsetzungen von Politik und Ökonomie nicht vorrangig darauf ausgerichtet sind (dazu: Politik der Gefühle). Emotionale Gegebenheiten finden Berücksichtigung, wenn Störungen oder Notwendigkeiten der Verbesserung von Abläufen des erforderlich machen, Ökonomie und Politik sind aber nicht an sich darauf ausgerichtet die emotionale Befindlichkeit von Menschen zu fördern, können diese bei der Verfolgung ihrer eigenen Interessen sogar massiv stören.

Es gibt Bereiche der Gesellschaft, in der Emotionen eine andere Rolle spielen, dabei handelt es sich allerdings nicht um in der Gesellschaft dominante Bereiche. Macht- und Interessenverhältnisse haben jedoch einen großen Einfluss auf das, worauf sich innerhalb von Gesellschaften der Fokus richtet. Bildungspolitik als Teilbereich der Politik ist nicht aus sich heraus auf die emotionale Befindlichkeit von Menschen ausgerichtet, kann diese allerdings bei Bedarf einbeziehen.

Es ist etwas schwierig verständlich zu machen. Es ist so etwas wie der Unterschied darin, ob in einer Gesellschaft der Fokus auf Bruttosozialprodukt oder auf Bruttosozialglück gerichtet wird. Beides führt zu anderen Konsequenzen. Ich will dabei weder das eine noch das andere favorisieren, nur verständlich machen, dass die jeweilige Ausrichtung andere Dinge betont und andere Handlungskonsequenzen nach sich zieht.

Es erklärt sich die untergeordnete Position von Emotionen, die zu ihrem Verschwinden aus der Wahrnehmung führt, wenn sie sich nicht aus sich selbst heraus bemerkbar machen. So kommt es dazu, dass Emotionen kein kontinuierlicher Beobachtungsbereich bleiben, was eine Akkumulation von Informationen, Wissen und Erfahrungen erschwert. Gewonnenes Wissen verschwindet wieder. Ein anderer Zeitgeist muss dann einen neuen ihm entsprechenden Zugang gewinnen und kann nicht einfach vorhandenes Wissen fortführen und dabei anpassen.

Ein bisschen weit aus dem Fenster gelehnt? Vielleicht, aber nicht so ganz abwegig. Feststellen kann ich, dass bei mir nach wie vor eine Verwunderung über die Art bleibt, in der Emotionen Berücksichtigung bzw. keine Berücksichtigung finden, die mich immer wieder über die Ursachen rätseln lässt. Verschwunden sind dagegen Minderwertigkeitsgefühle aufgrund des Themas, genauso wie Zweifel an seiner Bedeutsamkeit. Es wird auch immer klarer, dass Emotionen untrennbarer Bestandteil pädagogischer Praxis sind. Wenn ein Mangel besteht, dann besteht der am ehesten in einem Mangel an Bewusstheit.

Referenz:

Buddrus, V. (Hrsg), 1992. Die „verborgenen“ Gefühle in der Pädagogik. Impulse und Beispiele aus der Humanistischen Pädagogik zur Wiederbelebung der Gefühle. Hohengehren: Schneider.

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Emotionen in der Pädagogik

„Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.“

Eine Japanisch Mitlernende, die auch schon seit längerem an ihrer BA hängt, hat jetzt abgegeben und mit einem bösen Schalk in den Augen gemeint, wenn sie dann ihren Master hätte und ich meine BA noch immer nicht fertig, würde es langsam peinlich für mich.

Mag sein, die damit verbundenen Emotionen kann ich jetzt aber ertragen, weil ich sie unmittelbar wahrnehme, verstehe und in einen Bezug zu ihren Auslösern bringen kann. Genauso wie ich mich deshalb nicht darauf einlasse, dass unser Japanischlehrer bei einem Übungsblatt die Anzahl der falsch beantworteten Aufgaben wissen will. Ich nenne die Anzahl der Aufgaben, die ich richtig gelöst habe, und wende dadurch das Mindset. Fühlt sich gut an und ich bin stolz statt beschämt.

 „Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.“

Es dauert eben solange wie es dauert. Ich bin nicht untätig und bewege mich Tag für Tag voran, während das Bild für die Emotionen klarer und klarer wird. Ein guter alter Freund macht mir sehr bestürzt Vorwürfe und das Telefongespräch mit ihm wird in seinem emotionalen Ausdruck heftig, während ich gleichzeitig versuche bei meinen sachlichen Argumenten zu bleiben. Zuerst dachte ich, er verstehe nicht, dass es mir um Analysen geht, bis mir dämmerte, dass er mich schon ganz gut verstanden hat und sich seine Ängste auf Vorschriften für das Fühlen beziehen. Er misstraut einer Wissenschaft, deren Ergebnisse missbraucht und gegen Menschen eingesetzt werden. Das hat durchaus seine Berechtigung.

Auch von anderen Menschen erhalte ich Kommentare zu meiner Beschäftigung mit Emotionen, die mir helfen meine Position zu bestimmen und mich dem stetig anzunähern, worum es mir im Kern geht. In dem ganzen Wust von Themen, die mit Emotionen verbunden sind, ist das nicht einfach zu erkennen.

Noch einmal werfe ich einen genaueren Blick in ein Buch von 1992, Die „verborgenen“ Gefühle in der Pädagogik. Nach all meinen Recherchen und Reflexionen macht es mich betroffen, dass Buddrus dort bereits in der Einleitung einige der wesentlichen Beobachtungen und Fragen formuliert, die mich umtreiben, ohne dass das Buch wirklich Antworten liefern kann. Interessant ist in dem Zusammenhang, dass auch er wie ich Erfahrungen mit der Grundschule hat und gerade dort die Notwendigkeit sieht mit Gefühlen umzugehen. Es ist allerdings nicht nur dort der Fall.

Ich kann das Buch zum Vergleich benutzen, wie weit sich der Erkenntnisstand inzwischen erweitert hat. Das Buch selbst ist ein Sammelband und Buddrus hat nach eigener Darstellung dafür genommen was er bekommen konnte, auch Dinge, die nur am Rand mit Gefühlen zu tun haben. Das für mich Auffällige ist dabei, dass es kaum um Analysen zu gehen scheint, sondern vor allem um unterschiedliche Ansätze, wie man in der Praxis mit Gefühlen verfahren kann. (Es ist für mich schwierig bei seiner Benennung zu bleiben, da ich den Begriff Gefühle in der Regel nicht benutze. Ich falle immer wieder in den Begriff Emotionen zurück.)

Da es sich dabei einerseits nicht um den neusten Stand des Wissens handelt, andererseits meine spezifischen Fragen nicht beantwortet wurden, habe ich mich beim ersten Kontakt nicht intensiver mit den Inhalten des Buchs beschäftigt. Ich denke, ein Grund liegt im Unterschied zwischen Pädagogik und Bildungswissenschaft. Pädagogik scheint zu betonen was man in der Praxis tun könnte und sollte, Bildungswissenschaft wie etwas funktioniert. Mich interessiert wie etwas funktioniert, was da eigentlich vor sich geht. Zuerst einmal möchte ich das verstehen. Dann erst können mögliche Konsequenzen kommen.

Ich wende diese Ausrichtung auch zunehmend bei der Untersuchung von Problemen an, die für mich im Bildungsbereich in der Praxis auftreten. Was steckt dahinter? Was ist der Auslöser für die Emotionen, die ich nicht mag? Warum mag ich sie eigentlich nicht? Worum geht es tatsächlich? Wie lässt es sich zusammenfassen? Dann erst, was könnte getan werden? Dulden, oder ist eine Möglichkeit zum Eingreifen vorhanden? Es wird dadurch etwas einfacher unangenehme Erscheinungen anzunehmen.

Dieses Annehmen macht einen beträchtlichen Unterschied. Eine Angelegenheit ist unangenehm – basta. Ich muss das weder abwehren noch so tun als wenn alles gut wäre. Es ist unangenehm, das hat Gründe, die lassen sich benennen, darüber kann man möglicherweise reden, eventuell auch nur denken, vielleicht gibt es eine Lösung, vielleicht aber auch nicht. Eine Zunahme der Aufregung ist jedoch nicht notwendig. Es fällt schwer alte Gewohnheiten aufzugeben, doch ich arbeite daran.

Das ist altes Wissen über das die Menschheit schon lange verfügt, nichts Neues. Es gibt viele Arten mit Emotionen umzugehen. Dahinter stehen Vorstellungen, die zu Emotionen vorhanden ist, Wissen zu Emotionen, Art der Erziehung, Einflüsse der Sozialisation, Zeitgeist, Machtverhältnisse, Einflüsse aus der Art des Individuums heraus…

Darum geht es mir aber wiederum nicht. Das ist Kontext. Mir geht es um auftretende Arten von Emotionen und wie diese jeweils verstanden und wie mit diesen umgegangen wird. Es geht um den aktuellen Moment, in dem es geschieht, und Wissen darüber, was die Konsequenzen aus unterschiedlichem Umgang sind. Welche Entscheidungen werden in alltäglichen Situationen zum Umgang mit auftretenden Emotionen getroffen, wodurch sind diese beeinflusst und wie bewusst sind diese? In diesen Entscheidungen drückt sich die Haltung aus, die in Menschen zu Emotionen, in der Regel nicht bewusst, vorhanden ist. Weiterhin interessiert mich wie diese Situationen im Anschluss reflektiert werden und zu welchen Konsequenzen unterschiedliche Arten der Reflexion führen. Das betrifft sowohl die einzelne Person als auch gemeinsame Reflexion.

An den Emotionen selbst will ich nichts ändern. Emotionen müssen wie Gedanken in ihrem Auftreten frei sein. Negativ eingestufte Emotionen dürfen vorhanden sein. Angst, Hass, Neid, Gier, Zorn, Wut, Faulheit gehören als Erfahrungen zu Menschen dazu. Es gibt vielfältige Problematiken im Zusammenhang mit Emotionen; im Bereich Religion / Spiritualität existiert nach wie vor die Problematik, dass bestimmte Emotionen als sündhaft oder unrein gar nicht erst auftreten sollen, daher erwähne ich das hier im Besonderen. Es ist aber nicht die auftretende Emotion an sich, die ein Problem darstellt, sondern wie damit umgegangen wird. Darf sie gar nicht existieren, muss sie beim Auftreten sofort beseitigt, verborgen, verschleiert, ignoriert werden, woraus sich problematische Konsequenzen ergeben können.

Buddrus hat in dem Buch drei von vier Kapiteln eigene Texte vorangestellt. Historische Entwicklung (weshalb ich auf das Buch zurückgegriffen habe), pädagogischer Umgang mit Gefühlen und ein Modell für die Allgemeinbildung. An dem Entwurf der Visionen beteiligt er sich nicht. Auf Seite 95 fasst er pädagogische Ansatzmöglichkeiten zusammen und ich bekomme große Augen, da ich wichtige Teile meiner eigenen Überlegungen formuliert finde.

  1. Der massive Einfluss pädagogischer Institutionen auf Entstehen, Intensität des Erlebens und Intensität des Ausdrucks von Gefühlen. Ziele sind dabei vor allem Abwehr von Störungen, Instrumentalisierung für den schulischen Lehrplan und Erfüllungen von Bedürfnissen der LehrerInnen.
  2. Entemotionalisierung des Bezugs zur Welt (durch Konzentration auf kognitives Lernen und Lernen, das keine oder negative emotionale Bezüge herstellt).
  3. Analphabetisierung in den zwischenmenschlichen Bezüge (der Beziehungsaspekt der menschlichen Kommunikation verläuft weitgehend über Gefühle). Wird dieser Bereich nicht bewusst integriert, bleibt er Teil von „naturwüchsiger“ Sozialisation und wird nicht Teil von Allgemeinbildung.
  4. Aufgabe der Pädagogik ist es Gefühle in ihren vielfältigen Erscheinungs- und Ausdrucksformen bewusstseinsfähig zu machen. Dazu gehören Auswirkungen und Nebenfolgen im zwischenmenschlichen, gesellschaftlichen und Leben mit der Welt.

Für das was bewusst zu machen ist, legt Buddrus eine Liste an:

  • Auslöser
  • Ausdrucksformen
  • Darstellungsregeln
  • Freiräume zwischen Emotionen und Verhalten
  • Situationsabhängigkeit
  • Äußere Formen der Abwehr oder Distanzierung (z.B. Verharmlosung, Ritualisierung, Ablenken, Abwiegeln, Tabuisierung)
  • Innere Umgangsweisen (z.B. Verdrängen, Sublimieren, Umwandeln)
  • Eingebundenheit der Gefühle in die Entwicklung der Person als Gestaltungsaufgabe

Bewusstmachung allein hält er nicht für ausreichend. Ergänzt werden muss es durch:

  • Üben des liebevollen Umgangs mit Gefühlen
  • Sein-lassen von Gefühlen
  • Nicht-Eingriff

Aus beidem ergibt sich als pädagogische Aufgabe Bewusstmachung sowie praktische Anwendung des Bewusstgemachten. Es kann dabei davon ausgegangen werden, dass es durch ein Wachstum an Wissen und stetige Erfahrungen zu einer fortwährenden  Erweiterung von Kenntnissen kommt. Die Entwicklung ist dabei nicht auf einen bestimmten Altersbereich begrenzt und erstreckt sich grundsätzlich über das gesamte Leben eines Menschen.

Nach Buddrus (1992, S.2) ist der Umgang mit Gefühlen elementar und wichtig, aber wenig im Bewusstsein einer (Fach)Öffentlichkeit vorhanden. Gefühle in der Beachtung zu vernachlässigen bedeutet jedoch über sie und alles was mit ihnen in Zusammenhang steht keine kritische Reflexion  betreiben zu können (Buddrus, 1992, S.80). Nach seinen Angaben handelt sich dabei um ein kulturelles Phänomen, nicht um ein pädagogisches. Das Bildungssystem kann als Teilsystem der Gesellschaft nicht von ihr losgelöst betrachtet werden. Die kulturelle Einflussnahme auf Gefühle schätzt er als sehr groß ein, ihr Erkennen als schwierig. Es lässt sich hinzufügen, dass, wenn schon das Erkennen von Gefühlen schwierig ist, es die vielfältigen Umgangsformen, Wirkungen und Zusammenhänge letztlich ebenfalls sind.

Das Buch ist über 20 Jahre alt und die Beachtung von Emotionen hat in der Zwischenzeit zugenommen. Es scheinen aber vor allem einzelne Personen, die sich dem Themenbereich in besonderer Weise widmen und Kenntnisse voranbringen. Eine komplette Nichtbeachtung von Emotionen, die unreflektierte Berücksichtigung von Emotionen auf der Basis von Alltagsvermutungen oder eine undifferenzierte Betonung positiver Emotionen existieren gleichzeitig neben unterschiedlichen wissenschaftlichen Ansätzen unterschiedlicher Disziplinen.

Die Haltungen zu Emotionen und das Verständnis von ihnen sind vielfältig, nach meiner Einschätzung wird gerade das wenig thematisiert. Es geschieht, dass über Emotionen kommuniziert wird, ohne zuvor abzuklären wie die Vorstellungen dazu eigentlich aussehen, ob die überhaupt übereinstimmend sind. Weiterhin wird mit Emotionen oft in einer so selbstverständlichen Weise verfahren, dass sie gerade dadurch unsichtbar werden und verschwinden.

Das Thema Emotionen bleibt komplex und auch schwierig zusammenzufassen.

Referenz:

Buddrus, V. (Hrsg), 1992. Die „verborgenen“ Gefühle in der Pädagogik. Impulse und Beispiele aus der Humanistischen Pädagogik zur Wiederbelebung der Gefühle. Hohengehren: Schneider.

Modell zu den Aufgaben von Pädagogik und Bildungswissenschaft in Bezug auf Emotionen

In der Regel verarbeite ich Informationen des Vortags während der Nacht, so dass mir in der Phase nach dem Aufstehen häufig neue Zusammenhänge klar werden. Daher schreibe ich meine Blogbeiträge auch bevorzugt am frühen Morgen, mache mir meine Überlegungen darin noch einmal klar, fasse sie in den wichtigsten Teilen zusammen, führe sie zum Teil auch fort oder präzisiere sie. Gelegentlich muss ich sie auch verwerfen.

Gestern war ich allerdings mit einem anderen Ablauf konfrontiert. Am Morgen hatte ich, während ich noch im Bett lag, immer wieder aufsteigende Überlegungen auf einem Block notiert, eine neue Vorgehensweise, mit diesen Aufzeichnungen konnte ich später aber nicht mehr viel anfangen. Anscheinend war nur das Aufschreiben selbst von Bedeutung, um danach entlasteter weiterdenken zu können. Im Lauf des Tages folgten dann u.a. die Beschäftigung sowohl mit einem psychologischen Text, als auch mit einem soziologischen zu Emotionen. Beiden Texten habe ich dabei für mein Interesse wesentliche Aussagen entnommen.

Glasenapp (2013) betrachtet aus psychotherapeutischer Richtung Emotionen als Ressourcen und versucht eine Unterscheidung zwischen positiven und negativen Emotionen zu vermeiden. Er versucht alle Arten von Emotionen als Informationsquelle und Potential zu verstehen.

Dieses Potential erschließt sich aus der Schnittstellenfunktion von Emotionen als vermittelnde und koordinierende Instanz von Kultur, Körper, Bedürfnissen und Handlungen. (Glasenapp, 2013, S.33)

Bedeutender als diese wichtige Aussage ist für mich allerdings, dass er eine Lenkung auf etwas zu Vermeidendes in der Verwendung des Begriffs „negativ“ sieht. Dadurch wird ein offener Umgang mit allen Erscheinungen zur Informationsgewinnung behindert. Genau diese Haltung spiegelt mein eigenes Verständnis von Emotionen wider.

Ein weiterer Beitrag von Scheve (2012), der für mein eigenes Interesse im Verlauf zu stark auf Fragen der Soziologie konzentriert ist, für die mir letztlich der soziologische Hintergrund fehlt, werde ich noch einmal mit den appraisal theories konfrontiert, die ich bisher sehr stark als Bewertungstheorien verstanden hatte. Im Verlauf seines Kapitels wird klar, dass es sich mehr um Einschätzungstheorien handelt, was er auch so übersetzt. Diese Einschätzungen können sehr komplex verstanden werden und enthalten wesentlich mehr als nur reine Bewertungen, beispielsweise die Interpretation von Ereignissen in sozialen Kontexten auf der Basis impliziten Wissens über gesellschaftliche Strukturen. Nach seinen Angaben sind die apparisal theories in der Lage die sozialen Einflüsse auf die Emotionsentstehung abzubilden (Scheve, 2012, S.115f).

Die Einflüsse beider Texte führen am Abend u.a. zu Überlegungen zur emotionalen Konstruktion der sozialen Wirklichkeit, den Auswirkungen von Macht- und Sozialstrukturen auf Emotionen und liefern mir wieder mehr Verständnis für Problematiken, mit denen ich in der Vergangenheit konfrontiert war und zu denen immer noch viele Fragen offen sind. An diesem Abend schreibe ich jedoch nichts von meinen Überlegungen auf.

Das Überraschende am Morgen danach ist es, dass die Schlussfolgerungen vom Abend keinen unmittelbaren Niederschlag in den Morgengedanken haben. Dagegen habe ich plötzlich ein komplettes Zusammenhangsmodell zu Bedeutung und Aufgabe von Pädagogik und ergänzend Bildungswissenschaft  im Kopf, das auf meinem Arbeitsmodell der eingebetteten Verzwirbelung unmittelbar aufbaut, dabei die Anregung der am Tag zuvor gelesenen Texte ganz neu nutzt, und das ich innerhalb einer viertel Stunde als Mindmap abbilden kann.

Die Verzwirbelung steht dabei im Zusammenhang mit den inneren Prozesse des Individuums und ist mit wissenschaftlichen Disziplinen verknüpft, die vor allem diesen Bereich untersuchen. Die soziokulturelle Einbettung bezieht sich auf Interaktionen und soziale und kulturelle Prozesse und ist ebenfalls mit denjenigen Wissenschaften verbunden, die vorrangig diesen Aspekt im Auge haben. Aufgabe der Pädagogik ist es das dabei zur Verfügung gestellte Wissen für ihre eigene Ausrichtung zu verwenden, die ich momentan in Bezug auf Emotionen grob in Vermittlung von Wissen zu Emotionen, Vermittlung des Umgangs mit Emotionen und dem dazugehörigem Wissen sowie kritische Reflexion, auch auf der Basis bestehender Rechts- und Wertesysteme, unterteilen kann. Darauf aufbauend lässt sich dann die Bedeutung der Bildungswissenschaft für die Pädagogik genauer bestimmen.

Mit dieser Modellerstellung überrasche ich mich selbst. Während ich noch am Abend vor allem eigene Erfahrungen als Beispiele verwendet und mein Wissen zur Überprüfung darauf angewendet hatte, ist das jetzt etwas völlig anderes. Es ist der Versuch eine zuerst einmal für mich sinnvolle Ordnung zu erstellen, die aber ganz klar auf mein Studiengebiet ausgerichtet ist. Es ist auch das erste Mal dass ich versuche zusammenzufassen, was ich selbst als Aufgabe von zuerst Pädagogik, dann im Besonderen BiWi, in Bezug auf Emotionen sehe. Alle anderen wissenschaftlichen Disziplinen sind darauf ausgerichtet angeordnet, stellen für die ureigenen Anforderungen des Bildungsbereichs Wissen zur Verfügung und treten dabei aber letztlich in den Hintergrund.

Es erstaunt mich, wie sehr ich mich selbst mit dieser Ausrichtung identifiziere. Es ist nicht meine Angelegenheit Aufgaben z.B. der Psychologie oder Soziologie zu bestimmen, auch wenn ich aus diesen Bereichen in den letzten Monaten viele Texte zu Rate gezogen habe. Für mich ist es letztlich entscheidend wie die Pädagogik sie nutzen kann. Erstaunlicherweise betrachte ich in meinem Modell BiWi als vermittelnde Schnittstelle zwischen anderen Wissenschaften und der Pädagogik, die ich dabei als wesentlich anwendungsorientierter und in einem stärkeren Praxisbezug wahrnehme.

Parallel erstaunt es mich aber auch wie weit ich mich in meinem Modell von meinem eigenen Erfahrungshintergrund entfernt habe. Die Überlegungen, die mich am Abend noch beschäftigt haben und bei denen es sich um sehr spezifische Aspekte der Bedeutung von Emotionsmodellen vor einem persönlichen Hintergrund handelt, sind in ihrer Bedeutung zurückgetreten. Im Vordergrund steht ein mich erstaunendes fachliches Interesse, das von dem abweicht was ich in mir selbst sehe, meiner eigenen Identität jetzt aber einen neuen Aspekte zufügt. Das ist ebenfalls reichlich unerwartet und verblüffend.

Referenzen:

Glasenapp, J.G. (2013). Emotionen als Ressourcen. Manual für Psychotherapie, Coaching und Beratung. Basel: Beltz.

Scheve, C.von (2012). Die sozialen Grundlagen der Emotionsentstehung: Kognitive Strukturen und Prozesse. In: Schnabel, A. & Schützeichel, R. (Hrsg.). Emotionen, Sozialstruktur und Moderne. Wiesbaden: Springer VS.

Verzwirbelung

Das Exposé zur BA ist nicht zu dem Termin fertig geworden den ich mir selbst gesetzt hatte. Zusätzlich hat mich jetzt eine sommerliche Erkältungswelle erwischt und etwas lahmgelegt. Verschwunden ist inzwischen allerdings das Bedürfnis weiter zu recherchieren. Die erzielte Sättigung an Informationen scheint ausreichend. Das letzte wichtige Puzzlesteinchen, um mich selbst zufrieden zu stellen, hat sich auf recht eigenartigem Weg ergeben und wurde durch den Begriff convolution in einem Artikel von Thagard und Steward angeregt.

Sehr frei habe ich daraus die Vorstellungen von etwas entwickelt, das ich als Verzwirbelung bezeichne. Diese Verzwirbelung repräsentiert dabei weder eine serielle noch eine parallele Verarbeitung von Informationen, sie entspricht auch keiner Netzwerkstruktur, da es sich um einen zielgerichteten Prozess handelt. Es ist so als würde man Fäden miteinander verdrehen, die sich allerdings weiterhin voneinander unterscheiden lassen. Zusammen, als sich aufwärts bewegender Faden, stellen sie dann einen fortlaufenden Prozess dar, der sich aus verschiedenen gleichzeitig vorhandenen, kontinuierlich aufeinander einwirkenden Komponenten zusammensetzt.

Mein Eindruck der letzten Monaten ist eine Dominanz von Vorstellungen, die bezogen auf das Verhältnis von Emotionen zu anderen Informationsverarbeitungskomponenten des Gehirns von Dualitäten ausgehen, die je nach weiteren Annahmen unterschiedlich geordnet werden. Emotionen sind begleitend oder übergeordnet oder untergeordnet oder getrennt. Das fand ich in der Gesamtheit nicht wirklich überzeugend und zufriedenstellend abgebildet. Benutze ich allerdings ein Modell der Verzwirbelung, so können keine Hierarchien erstellt oder Unterschiede in der Bedeutung gemacht werden. Es ist ein ganzheitliches Konzept wo alles zur gleichen Zeit da ist, aufeinander einwirkt und sich fortwährend gegenseitig bedingt. Gleichzeitig kann es erfassen, dass die unterschiedlichen Informationsverarbeitungsarten des Gehirns und die daraus sich ergebenden Konzequenzen, die wiederum auf die Informationsverarbeitung einwirken, durchaus als so unterschiedlich erfahren werden, dass die Vorstellung einer Trennung überhaupt möglich ist.

Das Ganze ist allerdings nur eine Visualisierung und ein Denkmodell, keine Darstellung der Wirklichkeit. Es ist einzig eine Repräsentation der Schlüsse zu denen ich gekommen bin. Wenn verschiedene kognitive Prozesse, denen ich auch Emotionen weitgehend zurechne, und ihre Handlungskonsequenzen miteinander verflochten sind und gemeinsam eine Ganzheit ergeben, erklärt sich für mich daraus auch, warum es nicht wirklich entscheidend ist worauf man sich konzentriert. Es ist nicht notwendig Emotionen in Bildungsprozessen ausdrücklich zu beachten, es ist allerdings genauso möglich sich vor allem auf die Emotionen und damit das subjektive Erleben zu konzentrieren, also diesen „Faden“ explizit zu beobachten, einzubeziehen und darauf einzuwirken. Ich gehe davon aus, dass beiden Herangehensweisen zum Erfolg führen, wenn die jeweils dafür wichtigen Grundlagen beachtet werden. Wichtig ist dabei der Erklärwert, den sie für die jeweilige Person haben, also die Nachvollziehbarkeit und damit auch die Anwendbarkeit.

Eine Betrachtungsweise wie der Behaviorismus, der sich auf Input und Output konzentriert und der Black Box dazwischen keine Beachtung schenkt, ist mit diesem Modell ebenfalls gut verknüpfbar.

Beantworten lässt sich dadurch auch meine Frage, warum bildungswissenschaftliche Herangehensweisen Emotionen nicht explizit benennen müssen, es aber genauso gut tun können. Momentan denke ich, es ist in Ordnung, wenn man es den Vorlieben der Einzelnen überlässt. Für manche Menschen ist der Weg der expliziten Einbeziehung der Emotionen der richtige, weil in ihrer Art der Weltbetrachtung Emotionen wichtig sind. Andere schenken ihnen dagegen weniger Beachtung, weil für sie eine andere Blickrichtung im Vordergrund steht. Weil die internen Verarbeitungsprozesse aber nicht zu trennen sind, sondern verzwirbelt, und daher fortwährend aufeinander einwirken, werden die anderen Teile aber immer auch mit erfasst, ganz gleich worauf man sich konzentriert. Aus diesem Grund sind die unterschiedlichen Herangehensweisen auch untereinander „übersetzbar“.

Daraus ergeben sich wiederum Fragen danach welche Vorteile die eine oder andere Sichtweise hat, was für mich persönlich allerdings von geringerem Interesse ist, da es mir primär um Fragen zu Dualität und hierarchischer Anordnung geht. Ein Modell der Verzwirbelung löst diese Problematik für mich auf und entspricht dabei am ehesten sowohl  meiner eigenen Wahrnehmung als auch dem Ergebnis meiner bisherigen Recherchen zu Emotionen. In Bezug auf die Pädagogik stützt es für mich die sogenannten ganzheitlichen Herangehensweisen an den Menschen, in denen versucht wird alle Teile des Menschen in möglichst gleichem Maß zu fördern.

Emotionen und Sozialstruktur

Emotionen sind ein mentales Produkt und enthalten eine kognitive Komponente. Daher geht es eigentlich auch gar nicht um die Emotionen selbst, sondern die Fragen, die ich zu ihnen habe, beziehen sich letztlich auf Weltbilder, gesellschaftliche Strukturen und Machtverhältnisse, die Auslöser für Emotionen werden. Bei Emotionen geht es um die Selbstwahrnehmung von Menschen im Zusammenspiel mit der Wahrnehmung ihrer Umwelt, und Emotionen können in der ihnen eigenen Sprache darüber differenziert Auskunft geben. Diese Kenntnisse sind allerdings nicht immer umfänglich gewünscht. Daher gibt es Kontexte, in denen Emotionen und ihr Ausdruck entwertet werden, bzw. nur in sehr beschränkter Form sichtbar werden sollen. An diesem Punkt kann es dann durchaus logisch sein spekulativ Verschwörungstheorien zu entwickeln.

Sozialstrukturelle Bedingungen bestimmen durchaus den Umgang mit Emotionen und die Form der gewünschten Emotionsregulierung. Die gesellschaftlichen Bedingungen wirken dadurch auf die Entstehung und Interpretation von Emotionen ein. Emotionen werden zwar subjektiv empfunden und sind für die externe Beobachtung nur begrenzt zugänglich, das sind aber weitere mentale Prozesse ebenfalls und wie diese werden Emotionen kulturell und sozial geformt und drücken im Individuellen die Bedingungen der sie umgebenden Kultur und Gesellschaft aus. Es ist daher nicht sinnvoll Emotionen nur als etwas Losgelöstes und rein Subjektives zu verstehen, das allein in der Verantwortung des Individuums verbleibt.

Im Verlauf von Erziehung werden die Wahrnehmung von Emotionen und der Umgang mit ihnen entsprechend der Vorstellungsbilder der umgebenden Kultur und Gesellschaft geformt. Im Extremfall sollen Wahrnehmung und Verständnis der eigenen Emotionen gar nicht erst erlernt, sondern vor allem in einer Weise geformt werden, die für das Individuum selbst letztlich schädlich ist, während es selbst und seine Emotionen nicht im eigenen Interesse, sondern für das Interesse anderer geformt werden. Für den pädagogischen Bereich kann dabei als ein extremes Beispiel auf die schwarze Pädagogik verwiesen werden und ihre Intention emotionale Muster zu etablieren, die es dem Opfer erschweren Machtmissbrauch wahrzunehmen und zu benennen, wodurch zum Nutzen der Täter Widerständigkeit erschwert wird.

Ohne jedoch auf  Extrembeispiele einzugehen, stellen gesellschaftliche Strukturen, Werte und Machtverhältnisse direkte Einflussquellen für Emotionen und Art des Emotionsausdrucks dar. Und auch wenn ich in meiner bisherigen Literatur zu dieser Problematik wenig gefunden habe, so geben Emotionen, die mit sozialen Beziehungen eng verbunden sind, in Machtverhältnissen auch Auskünfte zu Machtverteilungen. Eine Pädagogik der Emotionen und der Emotionsregulierung muss diesen Aspekt berücksichtigen und Machtverhältnisse und Machtausübung in ihre Überlegungen einbeziehen. Dazu gehört auch die Überprüfung der Interessen, auf denen die gewählten Strategien zur Emotionsregulierung basieren.

Soziale und emotionale Kompetenzen in Lehrpläne einzubeziehen erscheint auf den ersten Blick als eine begrüßenswerte Maßnahme. Auf den zweiten Blick treten jedoch durchaus Fragen danach auf, wer für wen die Richtung wohin vorgibt. Nicht Emanzipation und Empowerment des Individuums müssen die gewünschten und auftretenden Ergebnisse sein. Als Produkte der Entwicklung sozialer und emotionaler Kompetenzen werden durchaus Entwicklungen betont, bei denen bestehende Systeme nicht geändert werden, sondern Leistung nach bereits vorhandenen Kriterien verbessert wird, weil das soziale Miteinander entlastet wird.

Es bleibt das Problem bestehen, dass sich aus jeder Änderung, die anfänglich vor allem auf die positiven Aspekte konzentriert ist, durch die Anwendung neue und unerwartete Fragen ergeben können.

Änderung von Vorstellungsbildern

Ich bin losgelaufen mit der kleinen Frage im Gepäck, warum Emotionen so wenig explizite Beachtung im Bereich der Bildung zu finden scheinen. Zurück kehre ich ohne eine klare Antwort, aber mit einem dicken Sack voller – nun, ich weiß nicht so recht was in meinem Sack drin ist. Voll ist er, ohne Zweifel, und ich weiß auch, dass es keine Puzzleteile sind aus denen ich erst etwas zusammenbauen muss, sondern dass ich den Sack so nehmen kann wie er ist und je nach Bedarf etwas daraus hervorkramen kann. Der Sack selbst steht für die Wahrnehmung von Komplexität. Es ist die Komplexität, die jeden Moment vorhanden ist, wenn es um Bildung geht. Und das ist wahrscheinlich so, weil es dabei um Menschen geht.

Es gab und gibt diese Haltung, dass Pädagogik Wischi-Waschi-Kram [1] ist und nicht viel notwendig, um ein Lehrer zu sein. Das mit den Lehrern habe ich nie so richtig geglaubt, bei der Pädagogik selbst war ich sehr ambivalent. Einerseits hat sie für mich keine hohe Reputation besessen, auf der anderen Seite habe ich mir unter pädagogischen Kenntnissen etwas Mysteriöses vorgestellt, in das man in besonderer Weise eingeführt werden muss. (Ich beschreibe hier emotional besetzte Vorstellungsbilder, die können sehr unreflektiert und naiv sein. Da sie aber eine starke Wirkung haben und Meinungen automatisiert prägen, ist es wichtig sie erkennen und benennen zu können. Auch wenn das manchmal etwas beschämend ist.) Meine Vorstellungsbilder bezogen auf Pädagogik und Lehrer haben sich während der Beschäftigung mit den Emotionen jedoch gravierend geändert. Daraus besteht mein Sack.

Mein Sack enthält Komplexität und keine klaren Antworten. Er enthält Material um es in komplexen Situationen nach dem jeweiligen Bedarf zu verwenden. Mein Sack ermöglicht einen anderen Blick auf den Menschen selbst, ohne ein festes Bild zu zeichnen. Zwischendurch hatte ich das Bedürfnis meinen Sack zu ordnen, doch ich hatte auch gleichzeitig den Eindruck, dass meine verbleibende Lebenszeit dafür nicht ausreichen würde. Daher habe ich das Problem gelöst, indem ich den Sack so belasse wie er geworden ist, eine ungeordnete Sammlung, aus der ich mir immer wieder herauspicken kann was ich aktuell benötige und woran ich aktuell zu arbeiten Zeit und Motivation finde.

Unglaublich fasziniert bin ich immer noch von der Darstellung von Damasio (2003) aus der sich ergibt, dass Gefühle mentale Prozesse sind. Ich müsste das noch einmal sorgfältig überprüfen, ob ich ihn nicht missverstanden habe, denn die Konsequenzen, die sich für mich daraus ergeben, sind weitreichend. Sind Gefühle, wie Damasio sie versteht, Produkte der Gehirntätigkeit, genauso wie Denken in Sprache und Bildern (und meine entsprechende Selbstbeobachtung spricht nicht dagegen), so löst sich jeglicher Dualismus in Luft auf. Gefühle sind genauso wie Denken auf der sinnlichen Wahrnehmungsfähigkeit des Körpers basierende Informationsverarbeitungsprozesse eines spezialisierten Teils des Körpers. Es gibt keinen Grund das eine dem anderen über- oder unterzuordnen. Es sind einfach nur verschiedene Möglichkeiten, die Menschen zur Verfügung stehen, und die zu verstehen und sinnvoll zu nutzen sie lernen können. Überordnen könnte man allein das Bewusstsein, da in ihm das Potential begründet liegt eine Auswahl zu treffen und Steuerungen vorzunehmen. Das würde sich dann unter anderem auf die Thematik des freien Willens beziehen, als auch die des Beobachters, der in der Lage ist die eigenen inneren Prozesse zu reflektieren. Darum geht es mir allerdings nicht.

Für mich selbst habe ich meine Belege nun erst einmal gefunden, und kann auf dieser Basis weiter machen. In meinen Vorstellungen sind Empfindungen, Emotionen und Gefühle jetzt in einer befriedigenden Weise in das Gesamtsystem integriert. Aus einem diffusen Da-stimmt-was-nicht ist ein Vorschlag zu einer für mich neuen Betrachtungsweise geworden. Das gilt es jetzt zu überprüfen, auszubauen und anzuwenden. Mit anderen Vorstellungsbildern ausgerüstet, nehme ich den Menschen an sich anders wahr.

Damit komme ich zurück zur Pädagogik und der Komplexität und was das mit meinem Sack zu tun hat. Pädagogik ist für mich inzwischen die Wahrnehmung von und die Arbeit mit Komplexität. Pädagogik kann schlecht perfektioniert werden und weiß kaum wo sie hinkommen wird. Sie ist eine fortwährende Herausforderung die bestmögliche und dennoch möglicherweise enttäuschende Lösung zu finden. Und diese Form der Unbestimmtheit ist kein Mangel oder Makel, sondern eine Notwendigkeit. Und aus diesem Grund war und ist der Umgang mit und die Einschätzung von Emotionen und Gefühlen ein Bestandteil pädagogischer Praxis, ganz gleich ob sie explizit benannt werden oder wurden oder nicht.

Eine Veränderung der Betrachtungsweise beispielsweise des Menschen oder der Gesellschaft durch neue Erkenntnisse oder gesellschaftliche Veränderungsprozesse führt zu einer Änderung bewusst angewandter Kenntnisse.  Es bleibt aber ein weiter Raum in dem Situationen Handlungsanforderungen stellen, in denen für die Praxis Lösungen gefunden werden, die auf implizites Wissen zugreifen. Und genau das scheint für mich Pädagogik ihre manchmal verwirrende Unschärfe zu geben.

Anmerkungen:

[1] Die japanische Sprache benutzt ganz selbstverständlich viele Lautmalereien bzw. Dopplungen, um Inhalte zu transportieren. Die Lautmalereien in Mangas kann man daher auch durchaus als etwas betrachten, dass der japanischen Sprache aus sich heraus nahe liegt. Belegen kann ich das nicht, mir gefällt diese sprachliche Möglichkeit aber sehr gut. Für mich stellt sie ein zusätzliches Element für Ausdrucksmöglichkeiten dar, das manchmal Geräusche einfügt, manchmal besondere Betonungen, und manchmal eine angemessene Leichtigkeit oder Auflösung. Nimmt man diese Art von Worten ernst, so können sie durchaus eine Bereicherung darstellen.

Referenz:

Damasio, A.R. (2003). Der Spinoza-Effekt. Wie Gefühle unser Leben bestimmen. München: List.