Bildungsmäuschen

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Auf der Suche nach einer Systematik

Gut, jetzt ist es passiert und ich habe den Eindruck, ich muss mich noch einmal ganz neu und anders dem Thema Emotionen im Kontext von Bildung nähern. In der Einführung zu Hauptwerke der Emotionssoziologie steht:

„Unserem Vorhaben, die Hauptwerke der Emotionssoziologie zusammen zu tragen und zu beleuchten, liegt die grundsätzliche Einschätzung zugrunde, dass Emotionen und Gefühle einen fundamentalen Platz in allen Aspekten des sozialen Lebens zukommen und damit einen elementaren theoretischen Ort innerhalb der Soziologie verlangen.“ (Senge & Schützeichel, 2013, S.10)

Ich hatte nie eine solche Situation geplant wie die in der ich jetzt bin, kann aber nicht mehr zur Vergangenheit zurückkehren und muss daher jetzt mit den Dimensionen zurecht kommen, die mein Thema angenommen hat. Es gibt auch kein Entkommen davor, dass es in letzter Konsequenz um ein anderes Menschenbild und damit eine andere Perspektive der Beobachtung geht. Das war so nicht von mir beabsichtigt und letztlich überfordert es mich. Dabei war ich nur wissbegierig, weil ich mit Ungereimtheiten konfrontiert war, die mich emotional belastet haben. (Ich war sauer, das war mein Motivator, bin es jetzt aber nicht mehr, sondern habe sehr viel gelernt und mein Denken dabei verändert.)

Nach all meinen bisherigen Recherchen und Reflexionen teile ich die Einschätzung des Zitats auch in Bezug auf die Bildungswissenschaft. Ergibt sich sowieso, wenn man die Einschätzung annimmt. Da Bildungsprozesse sozial eingebettete Prozesse sind, sind Emotionen und Gefühlen auch dort grundlegende Erscheinungen, die zu berücksichtigen und zu untersuchen nicht vernachlässigt werden sollte, um ein vollständigeres Bild von Einflussfaktoren und ihren Auswirkungen zu bekommen.

Das Problem, das für mich daraus entsteht ist nun, wie eine Argumentation in Bezug auf die Bildungswissenschaft gestaltet werden kann und wie dann die bildungswissenschaftliche Perspektive aussieht, also die Konsequenzen, die sich für Bildungskontexte ergeben. Denn wir arbeiten nicht nur Problem beschreibend, so habe ich gelernt, sondern immer auch auf Vorschläge für eine Problemlösung hin orientiert.

Der Reader zur Emotionssoziologie löst das Problem des Nachweises über die Bedeutsamkeit von Emotionen durch eine Zusammenstellung von möglichst vielen Beiträgen, der für das Fachgebiet relevanten Autoren, nach der Methode: lest und bildet euch selbst eine Meinung. Ich bin in meinen Recherchen bisher ähnlich vorgegangen und habe Texte zu Emotionen aus unterschiedlichen für die Bildungswissenschaft relevanten Disziplinen gelesen, um mich zu überzeugen, dass auch andere Emotionen als bedeutsam betrachten, und um zu erfahren, was über das was Emotionen sind in den relevanten Wissenschaften bekannt ist. Die Beweisführung funktioniert dabei nach der Methode, wenn genug Wissenschaftler Emotionen für bedeutsam einstufen, dann müssen sie es auch sein. Unterstützt wird es durch ein Vorgehen, bei dem erst einmal alles in den Kopf hinein geschaufelt wird was sich finden lässt. Nach dem Motto: viel hilft viel.

Der Reader versammelt 51(!) Beiträge ohne erkennbare Ordnung und demonstriert damit auf greifbare Weise das bestehende Problem: eine Fülle von Hinweisen auf Aspekte, aber keine Systematik. Der Reader zur Philosophie der Gefühle versammelt dagegen nur 17 Beiträge, vorsortiert in sieben Kapiteln, jedes davon neben der allgemeinen Einleitung noch einmal eigenständig eingeleitet:

  • Emotionen und ihre Objekte
  • Emotionen als Kognitionen
  • Theorie „der“ Emotionen?
  • Philosophie der Emotionen und empirische Wissenschaft
  • Phänomenologie der Emotionen
  • Emotionen und Werte
  • Emotionen und Akteure

Das ist zumindest schon eine gewisse Vorsortierung, die sich allerdings genauso wie der Inhalt der Texte selbst am Bedarf der Philosophie orientiert und nicht an dem der Bildungswissenschaft.

Keine Systematik oder eine unzureichende oder eine ungeeignete bedeutet Probleme für die Verwendbarkeit. Eines kann ich aber auf jeden Fall bereits ableiten, die inzwischen berühmten feuernde Neuronen im Gehirn sind nur ein sehr kleiner Aspekt des Ganzen.

Diese Aussage ist wichtig, denn Emotionen zu funktionalisieren und sich darauf zu konzentrieren sie zu manipulieren, so dass sie möglichst wenig Probleme verursachen, auch wenn das mit legitimen Mitteln und den besten Absichten geschieht, ändert nichts an der Einschätzung, dass Emotionen nur Begleiterscheinungen im menschlichen Erleben sind. Diese kann man dann berücksichtigen, man kann es aber genauso gut sein lassen. Wie in dem obenstehenden Zitat ausgeführt, geht es aber um eine grundlegende Position, die Emotionen in der Wahrnehmung, Einschätzung und Beurteilung der Welt einnehmen. Und das geht nicht ohne einen Einfluss auf das Bild vom Menschen.

Damit muss die Systematik möglichst umfassend das beinhalten, was den Bereich der Emotionen des Menschen, die dann als untrennbar und gleichberechtigt eingebettet und nicht als Begleiterscheinungen verstanden werden, mit den gesellschaftlichen Vorstellungen von Bildung verbindet.

Erneut bin ich zum Anwendungsinstrument zurückgekehrt das mir bisher fehlt. In verschiedenen Schriften zu Emotionen wird auf das Problem der Messbarkeit von Emotionen hingewiesen. Um dieses Problem handelt es sich bei meiner Problematik aber glücklicherweise nicht. Ich bin darüber sehr erleichtert, denn als Einzelperson sehe ich mich außer Stande eine Lösung dafür zu finden, wie ich Emotionen messen sollte. Ich kann mich auf Texte und die Systematisierung und Verbindung von Texten konzentrieren. Und das ist für mich auf einer praktischen Ebene grundsätzlich durchführbar.

Ich habe zwar noch immer nicht die richtige Idee wie ich vorgehen soll, kenne jetzt aber zumindest die Richtung.

Referenzen:

Döhring, S.A. (2009) (Hrsg.). Philosophie der Gefühle. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Senge, K. & Schützeichel, R. (2013) (Hrsg.). Hauptwerke der Emotionssoziologie. Wiesbaden: Springer Fachmedien.

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Haltungen zu Emotionen

Manchmal reicht der Inhalt eines einzigen Gesprächs mit der passenden Person in der geeigneten Runde um viele neue Fragen aufzuwerfen und dem Denken eine andere Richtung zu geben.

Ich bin dabei auf die Philosophie gekommen aber eigentlich passt mir das momentan alles gar nicht. Erneut ist ein Zeitpunkt im Semester, in dem sich gehäufter die Stimmen derjenigen zu Wort melden, die inzwischen an ihrer BA schreiben. Inzwischen geschieht es das dritte Mal seitdem ich mich selbst damit beschäftige, und ich würde doch auch so gerne fertig werden. Mir geht dazu zwar der Satz im Kopf herum, dass man das Gras nicht dadurch zum Wachsen bringen kann, dass man daran zieht, trotzdem bleibe ich unzufrieden damit, dass ich mich schon wieder veranlasst sehe weiterzudenken.

Also die Philosophie. Mental und emotional konstruieren wir unsere Sicht der Welt. Da stellt sich die Frage danach wie unsere Einsichten und Ideale aussehen. Und welche Einsichten und Ideale wir teilen und welche Einsichten und Ideale wir lernen und lehren wollen.

Emotionen sind etwas durchaus mächtiges und die Menschheit beschäftigt sich schon sehr lange mit ihnen. Damit was von ihnen zu halten ist, welche Probleme sie schaffen und wobei sie helfen und wie man am besten mit ihnen verfährt. Individuell und in der Gemeinschaft.

Um Emotionen zu erklären muss man nun etwas für mich sehr merkwürdiges tun. Es ist notwendig nicht nur die Emotionen selbst zu sehen, sondern nach der dahinter stehenden Haltung und Einstellung zu Emotionen an sich zu fragen und diese einzubeziehen. Also danach wie sie von Menschen gedeutet und verstanden werden. Was für ein Menschenbild ist vorhanden und in welcher Position stehen Emotionen darin. Denn wie sich Emotionen ausdrücken und welche Emotionen sich wann ausdrücken, wie sie eingeschätzt werden und wie mit ihnen verfahren wird ist vom kulturellen Kontext und der individuellen, gesellschaftlich vermittelten Haltung zu ihnen abhängig. Emotionen stehen nicht losgelöst im Raum herum, daher können sie auch nicht losgelöst untersucht werden. Emotionen sind nicht ideologiefrei.

Es mag manchmal erscheinen als gäbe es keine Gründe für auftretende Emotionen, dann bleibt aber weiterhin die Art vorhanden wie mit ihnen umgegangen wird, wie sie eingeschätzt, bewertet und benannt werden, wie auf sie reagiert wird.

Hinter all dem steht was Gesellschaften, Gruppen und Individuen zu Emotionen denken und wie sie diese einschätzen, deuten und verstehen.

Genau das findet sich dann auch in Bildungskontexten. Es muss nicht bewusst gemacht und aufgedeckt werden um zu wirken. Und manchmal verursacht es Verwirrung und Missverstehen ohne dass erkennbar wird, dass unterschiedliche Haltungen zu Emotionen der Grund dafür sind. Gerade wenn Menschen aus unterschiedlichen Gruppen miteinander zu tun haben.

Ich denke bei meinen Überlegungen an ganz konkrete Vorkommnisse für die ich Erklärungen suche. Ich fühle mich dabei wie eine Jägerin, die ihre Beute umkreist und manchmal denkt, sie hat sie jetzt gepackt und dann ist sie doch wieder entwischt und es sind nur ein paar Haare zurückgeblieben. Doch so langsam lerne ich die Beute besser kennen und komme ihr schon näher.

Die Welt wird uns auch über unsere Emotionen vermittelt, diese Emotionen sind aber nicht wahr so wie sie sind, sondern sie werden interpretiert.

Es ist auch ein Grund dafür, warum sie weder gehypt noch verdammt werden sollten. Hypen überschätzt ihre Möglichkeiten, verdammen unterschätzt ihre Macht.

Welchen Idealen folgen die Menschen in diesem Land? Christentum, Aufklärung, Nationalsozialismus, Neoliberalismus fallen mir als große Einflussfaktoren ein. Daneben gibt es vieles andere, auch für einzelne Gruppen charakteristisches. Was für Haltungen haben wir zu Emotionen? Was für Haltungen haben sich woraus entwickelt, was für unterschiedliche Haltungen treffen aufeinander und verstehen sich vielleicht gar nicht, weil überhaupt nicht klar ist, dass unterschiedliche Einschätzungen von Emotionen an sich vorhanden sind.

Ich bin wütend und diese Wut gilt als authentisch und ich kann das auch unmittelbar ausdrücken. Dafür wie es ausgedrückt werden darf oder soll, gibt es unterschiedliche gesellschaftliche Konventionen.

Ich darf nicht wütend werden, denn wenn ich das tue bin ich gescheitert, weil ich den anzustrebenden Gleichmut nicht erreicht oder verlassen habe. Kann mit Scham verbunden sein.

Ich darf wütend sein, aber niemand soll das merken, da ich das verbergen will oder muss. Dafür kommen unterschiedliche Gründe in Frage wie Machtstrukturen, Scham, strategische Überlegungen, Ideale der Emotionskontrolle aber auch betrügerische Absichten.

Folge deinem Herzen. Entscheide nach Gefühl. Der Verstand muss die Emotionen kontrollieren und in Schach halten. Es gibt viele Sprüche, die Haltungen zu Emotionen ausdrücken. Die dominierende Haltung, die einzelne Menschen haben, finde ich sehr schwer erkennbar, vor allem wenn sie von meiner eigenen abweicht.

Betroffenheit, Scham, Trauer, Angst, Freude, Lust – ja es gibt durchaus emotionale Ansteckung, aber Menschen können auf die gleiche Situation erst einmal mit sehr unterschiedlichen Emotionen reagieren. Nicht nur aus individuellen Erfahrungen sondern auch auf Grund ihrer Einstellung zu Emotionen.

Es geht um die Philosophie. Um das Menschenbild. Um das was unter Bildung verstanden wird. Und welche Rolle den Emotionen dabei zukommt. Ob Christentum, Aufklärung, Nationalsozialismus oder Neoliberalismus, jede dieser Ideologien hat eine andere Haltung zu den Emotionen. Jede hat auch eine andere Haltung zur Bildung. In der „Produktbeschreibung“ wird das aber nicht explizit aufgeführt, in meinen Augen weil wir wenig darauf ausgerichtet sind nach den jeweils vorhandenen Vorstellungen von dem was Emotionen sind direkt zu fragen.

Ganzheitlichkeit und Dekonstruktion

Das Rad dreht sich schnell. Es ist an der Zeit mit dem Thema Emotionen zu einem Ergebnis zu kommen, weil andere Anforderungen auftauchen, doch erzwingen kann ich es nicht. Momentan ist es auch eher so, dass alles auseinander fällt. Was ist Denken? Was ist Rationalität? Was ist Kognition? Dieser Kopf und dieser Körper sind nicht getrennt. Ich denke das nicht nur, ich nehme es unmittelbar wahr. Fortwährende Aktivitäten sind in jedem Teil beobachtbar. Je nachdem wie man Denken oder Rationalität versteht, findet Denken im ganzen Körper statt, sind die Vorgänge in dem Bereich den man als Emotionen bezeichnet rational, weil sie Gründe haben und nachvollziehbar sind.

Mimik, Gestik, Körperhaltung drücken dabei nicht allein Emotionen aus, sie sind Sprache für sehr viel mehr. Ein genauerer Blick lässt Selbstverständlichkeiten zerbröckeln. Alles ist im Fluss. Der kleine X spricht mit seinem ganzen Körper ohne ein einziges Wort zu verwenden. Und ich verstehe ihn genau. Manche Kinder können das hervorragend, aber ich habe das nie zuvor so wahrgenommen. Aufgewachsen in Gepflogenheiten der Vermeidung körperlicher Kontakte bei der Begrüßung wird es in der letzten Zeit zu einem selbstverständlichem Akt, dass die Kinder und ich uns dadurch begrüßen, dass wir uns in den Arm nehmen. Es ist nicht von mir ausgegangen, ich habe es nur nicht abgewehrt.

Systematiken, Vorstellungen von Weltordnungen – alles ist im Fluss. Eine Bevölkerung, die im Aussehen ihrer Körper immer vielfältiger wird – während die Art der Kleidung bei uns vergleichsweise einheitlich ist. In den Zeiten des Rassismus geprägte und fortgeführte Bilder von dem Verhältnis in dem Weltregionen und Bevölkerungsgruppen zueinander stehen. Aufgerührt, neu betrachtet. Wir leben in spannenden Zeiten. Und ich stecke im Thema Emotionen fest und alles zerfällt. Wie soll ich so fertig werden? Jeder Tag ist eine neue Herausforderung, neuer Input, neue Verarbeitung. Keine Rückzugsruhe zum ungestörten Nachdenken, auch wenn ich es versuche. Fortwährend Beobachtung und Überprüfung. Und immer wieder muss ich Ergebnisse umwerfen, weil sie in der wahrgenommenen Wirklichkeit keinen Bestand haben.

Meine (Gedanken, Überlegungen, Wahrnehmungen, Feststellungen?) kann ich nur schwer sinnvoll nachvollziehbar formulieren. Sie sind zu fremd und viel zu komplex. Und dann – mein Fokus sind Emotionen, das sind flüchtige, wechselhafte, schnell vorübergehende Erscheinungen – allerdings sind das Kopfgedanken ebenfalls. Ein Mensch ist eine untrennbare Einheit. Der kleine Y steht vor mir und sagt : „Was ist da los? In meiner Brust klopft es so schnell.“ Bist du aufgeregt? Bist du schnell gerannt? Was ist die Emotion? Deine Angst? Das Vertrauen mir gegenüber, dass ich die Hilfe geben kann? Meine Verwunderung über deine Beobachtung und Frage? Und dann – da findet wieder Kommunikation statt – in Worten aber auch mit unseren Körpern.

Um etwas zu erfassen werden einzelne Teile isoliert und Systematiken erstellt. Das ist nicht unsinnig und eine wissenschaftliche Methode. Aber – diese Teile stehen eigentlich nicht allein und die Systematiken sind nur Hilfsmittel. Ich versuche beides – Teile isolieren und systematisieren und in Zusammenhängen denken. Tanz, Musik, Geschichten, Kabarett, Modulation von Sprache sind Ausdruck von Emotionen und sind es nicht. Sie entstehen aus dem Ausdruck komplexer Zusammenhänge.

Alles läuft plötzlich auf eine Ganzheitlichkeit hinaus. Eine Schlussfolgerung, die nicht von der Theorie unmittelbar abgeleitet wurde, sondern durch die Anwendung von Theorie in der Praxis. Und die mich dann zu meiner großen Überraschung zu eigenen Schlussfolgerungen führt, zu denen allerdings andere bereits vor mir gekommen sind.

Auf die Pädagogik bezogen lande ich letztlich bei humanistischen Vorstellungen und Vorstellungen von Ganzheitlichkeit. Von einem Menschen können keine Teile abgetrennt werden. Unterteilungen in Denken, Fühlen, Handeln oder in anderen Worten Kopf, Herz und Hand sind dabei allerdings hilfreich und problematisch zur gleichen Zeit. Hilfreich weil sie auf eine Einheit verweisen, problematisch durch die Art der Trennung bzw. Systematik, die sie vornehmen. Die Begriffe selbst sind Symbole, die zu problematischen Vorstellungsgebilden führen, in denen man stecken bleiben kann.

Vor einer Weile hatte ich eine Grafik gesehen, bei der ein Herz mit Ärmchen und Beinchen ein Gehirn mit Ärmchen und Beinchen an der Hand nimmt. Sie war gut visualisiert und es ist leicht verständlich was gemeint ist – aber, ist es das tatsächlich? In Wirklichkeit ist da kein fühlendes Herz und da ist auch kein vom weiteren Körper getrenntes Gehirn. Die Symbole geben einen falschen Hinweis. Auch die Hände und Beinchen führen in die Irre. Handeln ist so viel mehr. Handeln ist Mimik, Gestik, Körperbewegung, Lautsprache, Sprachmodulation… und auch nicht getrennt von weiteren Konsequenzen im Inneren des Körpers und unter Einwirkung der Umwelt.

Systematiken und Symbole können ihre eigenen Fallstricke werden. In der Sprache der Bilder, und besonders der des Comic und anderer gezeichneter Geschichten, gibt es das vom Körper losgelöste Gehirn, das manchmal sehr teuflische Pläne schmiedet. Auch das verweist auf vielschichtige Problematiken. Einerseits auf die Vorstellung, dass das Gehirn die entscheidende Stelle sei, die für die Existenz des Menschen von Bedeutung ist, parallel dazu transportiert es aber auch das Wissen um die Unvollständigkeit und Unmenschlichkeit dieser Vorstellung.

Doch zurück zu den Emotionen. Ich kombiniere sie jetzt mal mit Vorstellungen von Inklusion. Emotionen wuseln überall mit rum. Als eingeschlossene Bestandteile, nicht als Begleiterscheinung. Und störende Erscheinungen können sprachliche Gedanken oder Bildgedanken genauso sein wie „Empfindungsgedanken“. Emotionen tragen ihre Geschichte der Unterdrückung und Diskriminierung mit sich. Vielleicht ist es letztlich sogar das weshalb sie eine besondere Stellung haben.

Wenn ich genug Auflösung betreibe, so kann ich also dazu kommen Gedanken auf der Ebene meines gesamten Körpers anzusiedeln. „Denken kann auf einem Einfall basieren, spontan durch Gefühle, Situationen, Sinneseindrücke oder Personen ausgelöst werden, oder es wird abstrakt-konstruktiv entwickelt.“ (Wikipedia, Artikel zu Denken). Reduziere ich die Grenzen ausreichend, so findet Denken in allen Teilen meines Körpers statt.

Das Denken dort hat jedoch eine ganz andere Form und ist wahrscheinlich vor allem automatisch. Zu abwegig? Nun, bei Google finden sich Ergebnisse zu denkender Körper. Auch die Philosophie hat dazu Ideen. Wie wir uns als Menschen wahrnehmen ist durchaus das Ergebnis eines Prozess davon, welche Ideen sich wann und wo durchgesetzt haben oder dominierend wurden. Unterschiedlich in Zeit und Raum. Auch Neoliberalismus beispielsweise ist nur ein Ideensystem von vielen. Momentan sehr wirkmächtig auf die Gestaltung der menschlichen Wirklichkeit einströmend, aber letztlich auch nur ein Ideensystem.

Von der Dekonstruktion im Besonderen will ich jetzt gar nicht erst anfangen.

Selbstverständnis als Grundlage für Emotionen

In einer kleinen erholsamen Zwangsauszeit habe ich mir ein Buch [1] vorgenommen, das ich eigentlich gar nicht mehr lesen wollte, da ich von ihm vor allem Wiederholungen zu mir inzwischen bereits bekannten Emotionstheorien erwartet hatte. In wenig fittem Zustand schien strukturierte Wiederholung allerdings gut geeignet um am Thema wenigstens ein wenig dran zu bleiben.

Allerdings zeigte sich auch hier sehr schnell, dass unterschiedliche Autoren zwar auf immer wieder ähnliche Grundwerke zugreifen, trotzdem sehr unterschiedliche Dinge damit tun. Dieses Mal beschäftigte sich ein deutscher Philosoph mit Emotionen unter dem Begriff Gefühle. Der Herausgabezeitpunkt des Buches liegt dabei 10 Jahre zurück. Hartmann (2005) geht recht chronologisch vor und beschreibt wie sich Emotionstheorien einander beeinflussend entwickelt haben. Als Philosoph ist er dabei um ein möglichst umfassendes Gesamtbild bemüht.  Er zeigt Stärken, Schwächen und Ergänzungsmöglichkeiten unterschiedlicher Ansätze auf, konzentriert sich dabei allerdings stark auf kognitivistische Modelle, um zum Schluss alle Modelle als letztlich unzureichend einzuschätzen. Er sieht die Notwendigkeit  für eine umfassendere Perspektive bei der Betrachtung von Emotionen und bietet als Lösung eine Konzentration auf das Selbstverständnis des Menschen als Hintergrund beim Auftreten spezifischer Emotionen an.

Die „subjektive und erfahrungsabhängige Dimension des Selbstverständnisse“ (Hartmann, 2005, S.160) beschreibt er dabei als „Das, worum ich mich sorge, das, was mir wichtig ist, das was mir etwas bedeutet“ (Hartmann, 2005, S.160). Darin sieht er die Gründe, die zum Entstehen von Emotionen führen. (Mit dieser Interpretation können Vorstellungen davon verbunden werden, dass Wirklichkeit konstruiert wird und dass diese Konstruktionen auch die Ebene der Emotionen umfassen, also die emotionale Konstruktion der Wirklichkeit erfassen.)

„Diese Gründe sind Gründe für mich, aber sie sind zugleich in Situationen, Personen oder Dingen verankert, denen ich Wichtigkeit an sich zuspreche.“ (Hartmann, 2005, S.161)

Subjektivität bedeutet in diesem Fall weder einen Mangel an Nachvollziehbarkeit, an Kausalität oder einen Mangel an sozialer Einbettung. Emotionen können rational sein, das umfasst auch, dass sie einer Situation entsprechend angemessen oder unangemessen sein können. (Hartmann, 2005, S.161)

Für die Vorteile der Orientierung am Begriff Selbstverständnis bestimmte er:

  1. Selbstverständnis ist umfassend und besteht aus verschiedenen Elementen. Daher ist es geeignet in einer Situation zusammenzufassen unter welchen Bedingungen welche Wahrnehmung vermittelt über welche Wirklichkeitsinterpretation und Gewichtung zu welchen Gedanken und Emotionen mit welchen Konsequenzen führt.
  2. Die Erfassung erfolgt über die Narration, die Erfassung der Geschichte der erlebenden Person.
  3. Diese Narration kann allerdings niemals zu vollständiger Transparenz führen. Nicht alle relevanten Elemente des Selbstverständnisses können enthüllt werden. Es bleiben immer undurchsichtige Anteile. Das Selbstverständnis bildet allerdings den im Hintergrund befindlichen Rahmen.
  4. Selbstverständnisse sind mehr oder weniger gut artikulierbare Überzeugungssysteme, manifestieren sich im Verhalten und besitzen eine körperliche Dimension. (Selbstverständnisse sind dadurch auch mit dem Habitus verbunden.)
  5. Selbstverständnisse besitzen einen sozialen und einen historischen Index. Sie können dadurch Probleme neurowissenschaftlicher und psychologischer Ansätze vermeiden, da sie u.a. soziale Position oder sozialen Status berücksichtigen.
  6. Selbstverständnisse beziehen individuell als auch kulturell erzeugte Interpretationen mit ein, die über die Möglichkeiten wissenschaftlich korrekter Beschreibungen einzelner Emotionen hinaus gehen. (Hartmann, 2005, S.161ff)

Die einzelnen Punkte sind dabei am Besten auf der Basis der vorhergehenden Ausführungen zu den Problematiken einzelner Ansätze zu verstehen, denen es in Augen von Hartmann insgesamt vor allem an einer umfassender Einbettung mangelt. Einen Mangel an Erklärungsmöglichkeit sieht er bei seinem Vorschlag allerdings in der Erklärung der Emotionen von Kleinkindern.

Für mich persönlich ist dieser Ansatz interessant, da er auf den Bedarf nach einer umfassenden Wahrnehmung des Eingebettet-Seins beim Auftreten von Emotionen verweist. Bei den am Ende stehenden Ausführungen von Hartmann entsteht, auf der Basis der zuvor von ihm beschriebenen Problematiken verschiedener Ansätze, in meiner Vorstellung ein sehr komplexes Bild der zeitgleichen Wahrnehmung sehr unterschiedlicher Erscheinungen und Einflüsse.

Genau das scheint mir sehr dicht am tatsächlichen Geschehen, bei dem zeitgleich oder kurz hintereinander sehr viel geschieht, das dabei aber nicht ohne lang ausgeholten Kontext zu verstehen ist. Emotionen spielen genau diese Rolle. Sie fassen unglaublich schnell sehr verschiedenes zusammen und liefern dadurch eine schnelle, auf unmittelbare Handlung ausgerichtete Orientierung in Komplexität. Auch darin liegt ihre besondere Bedeutung für kognitive Verarbeitungsprozesse.

Referenz:

[1] Hartmann, M. (2005). Gefühle. Wie die Wissenschaften sie erklären. Frankfurt/Main: Campus.