Bildungsmäuschen

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Emotionen, Lernen, Bildung und Veränderungsprozesse – narrativ

Manchmal scheint von einem Tag auf den anderen Wesentliches anders, weil sich etwas an den Empfindungen geändert hat, die im Körper wahrnehmbar sind.

Das ist ein sehr einfach wirkender Satz, den ich aus der ersten Version aber mehrmals angepasst an mein momentanes Interessengebiet, die Emotionen, umgeschrieben habe, damit ich dem besser auf die Spur kommen kann, was momentan mit mir los ist, denn alles scheint plötzlich anders als in vielen Wochen zuvor. Sprache ist ein bedeutendes Hilfsmittel des Denkens, Sprache ist aber auch überwuchert von Gewohnheiten, gerade wenn es um den Bereich geht, den ich jetzt in dem Begriff Emotionen zusammenfasse. Schnell schreibt sich etwas, das auf unreflektierten Traditionen beruht. Reflexion muss aber manchmal die Sprachbenutzung ändern, so dass die wahrgenommene Wirklichkeit in anderen Aspekten präsentiert werden kann, die dem Denken neue Möglichkeiten eröffnet. Auf diesem Weg kann sich der Sprachgebrauch über die Zeit verändern. Die beschriebene Methode ist dabei eine der Möglichkeiten wie ich das Bloggen für meine Erkenntnisprozesse nutze.

Das erste Mal seit langer Zeit kann ich mich an einen Traum erinnern. Bildung ist keine Therapie, das ist wichtig im Auge zu behalten. Ich muss keinen verborgenen Bedeutungen nachspüren, es reicht wenn ich der Geschichte lausche, die mir der Traum über das erzählt, das mich beschäftigt, und mir dabei hilft, die Bedeutungen in meinem Leben zu erkennen. Bildung hat überhaupt sehr viel mit dem Erzählen guter Geschichten zu tun. Der Traum erzählt mir von der Zufriedenheit mit dem was ich in der Erziehung meines Sohnes geleistet habe. Im Traum treffe ich eine junge Mutter mit einem frisch geborenen Kind, das als Nabelschnur eine grüne Tomatenranke hat. Ich bekomme das Kind in die Hände gelegt – und das Kind hat keine Bedeutung für mich. Die junge Mutter sagt zu mir, dass sie jetzt weiß, dass ich alles gut gemacht habe. Ich kann abschließen. Es liegt hinter mir.

Das alles geschieht in einer Traumversion von Schule, eine Einrichtung, die mir viel Stoff für Auseinandersetzungen geliefert hat. Im Traum war es ein enger, in meinen Augen chaotischer, improvisierter Platz, der aber irgendwie zu funktionieren schien. Ich war hier eine Beobachterin, die entspannt in der Ecke sitzen konnte und die niemand beachtete. Im Traum war ich überzeugt, dass die Organisation mit Absicht so erfolgte und dass es nicht meine Angelegenheit sei daran etwas zu ändern. Daher brauchte ich mir darüber keine Gedanken mehr zu machen und konnte mich auch davon befreien. Ein wenig kam ich am Ende des Traumes noch in Panik, da ich den Eindruck hatte, ich wäre an diesem Ort zu lange geblieben, um noch rechtzeitig zu meiner eigentlichen Arbeit zu kommen, doch ich hatte nur die Uhr falsch abgelesen, ich war nicht zu spät, half mir die junge Mutter weiter.

Ich kann die Anteile meines Lebens identifizieren, die den Traum inspiriert haben. Der Traum hat sie zu einem Ergebnis zusammengefügt, das mich sehr entspannt, aber auch in großer Offenheit zurückgelassen hat. Strahlender Sonnenschein am Morgen, eine leichte weiße Schneedecke und ein Körpergefühl, als sei ich eine ganz junge Frau, sind weitere Einflüsse.

Gestern bin ich außerdem überraschend schnell mit dem Rest der Bücher aus der UniBib fertig geworden. Das Buch von Wiltrud Gieseke wurde nach den ersten 100 Seiten zu speziell für mein momentanes Interesse und der Reader zu Schule und Emotionen von 2004 entpuppte sich weitgehend als Material, das viel zu alt ist, dass ich es noch nützlich verwenden könnte. Nach kurzem Überfliegen der interessantesten Beiträge war ich überraschend schnell mit dem Lesen des ausgeliehenen Materials am Ende. Es folgte ein Webinar zu Citavi, das aus dem Bereich WiWi der FernUni angeboten wurde, bei dem meine Konzentration aber irgendwann wegtriftete. Statt einer reinen Vorführung wie Citavi funktioniert und was man damit machen kann, hätte ich mir einen Bereich gewünscht, in dem persönliche Erfahrungen mit der Arbeit damit zur Sprache kommen. Noch während des Webinars entdeckte ich daher eine online verfügbare aktuelle soziologische Zeitschrift zum Thema Emotionen.

Motivation ändert sich weil Erfahrungen gemacht wurden. Zu Beginn meines Studiums war ich ganz wild auf Webinare und andere Onlineveranstaltungen. Eine Zeit lang waren MOOCs für mich der Gipfel des Möglichen, doch irgendwann ist der Reiz des Neuen fort und es bleibt die Frage nach dem was tatsächlich nützlich ist.

Am Abend habe ich die Hälfte des Soziologiemagazins entspannt liegend auf meinem Tablet gelesen, und als meine Konzentration nachgelassen hat noch ein wenig gespielt. Ganz zum Schluss habe ich eine App zum Lernen von Japanisch hervorgekramt, die ich gefühlt vor Jahren heruntergeladen hatte ohne sie je zu benutzen. Damit lässt sich eine ganze Menge selbsttätig üben, wenn man motiviert ist und sich selbst dazu disziplinieren kann.

Warum ich das jetzt alles aufzähle? Weil Lernen Dinge verändert. Auch das Lernen selbst. Lernen, Bildung und Emotionen stehen in einem sehr engen Zusammenhang. Wie? Nun zumindest sind alle drei schon einmal Prozesse, die lebensbegleitend sind. Und als Prozesse beinhalten sie Veränderungen. Und so kann es passieren, dass ich morgens aufwachen und mich mit einer neuen emotionalen Situation konfrontiert sehe, die keine Motivation mehr liefert Altes fortzusetzen. Und ich muss einen neuen Plan machen. Schließlich bin ich eine selbstbestimmte Lernerin und benötige emotionale Unterstützung für eine ausreichende Motivation zum Lernen. Also frage ich meine Emotionen was sie zu unterstützen bereit sind. Denn ohne sie geht gar nichts.

Ist eigentlich ganz einfach mit den Emotionen. Sie geben schon ziemlich den Ton an beim selbstbestimmten Lernen. Da lässt sich nichts machen, da lässt sich nur mit umgehen.

Warum ist das Bloggen für mein Lernen hilfreich?

Das erste Mal ein Beitrag im neu upgedateten Opera. Bisher war ich noch immer mit dem inzwischen sehr veralteten, aber trotzdem meistens noch manierlich laufenden Opera 12.17 unterwegs. Jetzt kam das erste Mal seit langer Zeit ein Updateangebot. Als Investition in die Zukunft werde ich nun wahrscheinlich nicht mehr zwischen Chrome und Opera wechseln, denn mit dem neuen Opera habe ich beides: ein ausreichend funktionierendes Puzzle aus Chrom und dem alten Opera.

Warum ich unter den Themen des Blogs darüber schreibe? Wer meinen Blog schon zu Anfang besucht hat weiß vielleicht noch, dass er auf dem schon lange eingestellten MyOpera gestartet ist. Opera hat mir die ersten Schritte in die Welt des Bloggens eröffnet, nicht WordPress. WordPress hat nur viele der heimatlos Werdenden aufgenommen. So wie mich. Ausschlaggebend war dabei, dass der Umzug der reinen Bloginhalte sehr einfach und schnell war. So bin ich eben auf WordPress gelandet und auch geblieben. Weil ich vor allem schreiben will.

Und damit bin ich beim eigentlichen Thema. Ich rätsele schon sehr lange daran herum, warum das Bloggen hier mir so immens bei meinen Lernprozessen hilft. Ich schreibe meine Beiträge meistens nachts, nachdem mir nach dem Aufwachen und vor dem Aufstehen Zusammenhänge klar geworden sind. Ich könnte das vorbeiziehen lassen, tue es auch oft, halte ich meine Erkenntnisse aber fest, dann kann ich mich einerseits besser an sie erinnern, andererseits kann ich dadurch zu anhaltenden, noch tiefer gehenden Einsichten kommen.

Ich könnte nun einfach nur Notizen machen, etwas anfertigen das ausschließlich für mich bestimmt ist. Der Zeitaufwand wäre wahrscheinlich geringer. Ich könnte auch nur auf meinem eigenen Rechner schreiben oder auf einem rein privaten Blog. Das motiviert mich aber nicht. Ich schreibe auch nicht um es später zu verwenden, auch nicht um es später noch einmal nachzuvollziehen. Auch wenn beides vorkommt, beim Schreiben selbst ist es nicht beabsichtigt. Ich schreibe allein deshalb, um im Augenblick des Schreibens etwas das mir wichtig erscheint zu ergründen, um einen Überblick darüber zu gewinnen und auch um es dadurch aus dem Kopf zu bekommen. Der Effekt ist eine größere Bewusstheit und Klarheit und eine Verbindung der Erkenntnisse mit anderen Wissensbeständen.

Was ich dabei benutze ist letztlich auch eine Form des Lernens durch Lehren, entsprungen dem starken Bedürfnis, das was für mich wichtig ist für mich selbst nachvollziehbar und verständlich zu machen und dabei in einem größeren Zusammenhang zu sehen. Das was ich mir dabei erarbeitet habe, eignet sich grundsätzlich zum Teilen. Ich will das auch, das Teilen, bin dabei allerdings eine zögerliche Gesellin. Ich will mich niemandem aufdrängen. Ich mache nur ein Angebot. Wer mag kann es nutzen und ich freue mich wenn das geschieht, denn es ist angenehm für andere nützlich zu sein und Anerkennung zu bekommen. Es ist eine wichtige, aber keine hervorstechende Motivation, und solange auch nur eine einzige Person meine Beiträge liest, ist diese Funktion erfüllt.

Der Blog erfordert es eine verständliche Sprache zu nutzen. Erfordert es nachvollziehbar zu sein und zu begründen und manchmal auch zu belegen. Ich will etwas ergründen, will dabei aber auch verstanden werden. Genau diese Ansprüche bringen den Gewinn. Ich lese wieder und wieder nach und überlege ob es so stimmt oder ob noch etwas fehlt. Genau das führt häufig zu unerwarteten Erkenntnissen und Entdeckungen. Ich versuche aufzuspüren was an Wissen bereits in mir vorhanden ist und das so exakt wie es geht abzubilden. Dadurch gewinnt das womit ich mich auseinandersetze an Bedeutung und Anschlussfähigkeit, die ich später wieder für mich nutzen kann.

Bei der Bearbeitung eines Jahre zurückliegenden Praktikums habe ich Aufzeichnungen benutzt, die ich nur für mich angefertigt hatte. Vieles davon kann ich heute kaum noch nachvollziehen, geschweige denn dass ich den Unterricht auf dieser Basis wiederholen könnte. Es ist zwar sehr beachtlich, dass ich diese Aufzeichnungen gemacht habe, ohne sie hätte ich jetzt weniger authentisches Material auf das ich bei meiner Dokumentation zurückgreifen kann, hätte ich aber schon damals eine Dokumentationsform gewählt, die sich an einen imaginären, außen stehenden Leser richtet, so hätte ich nachvollziehbarer geschrieben.

Diese Aufforderung im Hintergrund zu haben nachvollziehbar sein zu müssen, bringt einen wichtigen Gewinn. Gelingt es dann noch die Inhalte in einen größeren allgemein zugänglichen Kontext einzuordnen, können die Erkenntnisse anderer wie z.B. wissenschaftliche Theorien genutzt werden. Es wird eine Brücke möglich zwischen der individuelle Erfahrung oder Bearbeitung und der von außen aufgenommenen Lehre oder Erfahrung anderer.

Im Schreiben wird gelernt. Es wird ein Lernen durch Schreiben, das dabei aber gleichzeitig die Form der Lehre benutzt, durch die Erklärung für die eigene Person, die dabei aber die Form der Erklärung für jeden beliebigen Leser benutzt. Es bleiben keine persönlichen, nur der Schreibenden verständliche Formulierungen, sondern die Absicht ist es sich auch dem imaginierten Leser verständlich zu machen. Ihn zu lehren.

Und das ist auch die Bedeutung eines Lernens durch Lehren, das darauf aufbaut etwas das man sich selbst erarbeitet hat an andere so weiter zu geben, dass es für sie verständlich, nachvollziehbar und damit selbst anwendbar wird. Lehrer und Lerner vermischen sich dabei in einer einzelnen Person.

In seinem letzten Blogpost verlinkt Markus Deimann einen Beitrag aus dem ich für mich herausgelesen habe, dass der Lehrer derjenige ist, der par excellence einer Kultur des Teilens angehört. „Die Forderung, Ideen und Materialien frei mit anderen zu teilen, ist unbestritten Teil pädagogischer Grundprinzipien.“ (Deimann 2014, S.179). Das ist ein sehr, sehr wichtiger und entscheidender Punkt, wobei ich das freie Teilen hier erst einmal nicht weiter beachten will, da es für mich ein sehr umfangreiches weiterführendes Thema darstellt. Das was sich selbst erarbeitet wurde und weitergegeben wird, wird zur Lehre. Die Erfahrung des Nutzens für die eigene Person dadurch fördert die Kultur des Teilens. Die Lehrerin lernt während sie lehrt. Inhalte genauso wie die Form, also Methoden und Mittelverwendung.

Im Blogschreiben ist die Lernende aktiviert. Die Vermittlung an den Leser wird zur Lehre. Und da stellt sich für mich die Frage, kann man über das Schreiben von Blogs lehren? Werden Blogs überhaupt als Lehre begriffen? Vielleicht entspringen solche Überlegungen dem Bedarf der doch recht vereinzelten Fernstudierenden, vielleicht ist es aber auch ein Bedarf jeder Spezialistin, der ausreichende Gesprächspartner fehlen.

Wie auch immer. Da mich die Frage nach dem Blogschreiben nicht loszulassen scheint, es nach wie vor gewinnbringend für mich ist und die zeitlichen Kosten rechtfertigt, komme ich langsam zu der Frage, ob ich mich als nächstes Projekt nicht einmal genauer mit dem Bloggen beschäftigen sollte. Es  gibt viele mögliche Fragen. Was, wie, wozu. Das Wann ist schon recht klar. Aber für wen oder, was geht da noch außer dem was ich tue, danach habe ich noch nie gefragt. Auch kaum danach was sich verbessern lässt. Ich nutze und schreibe drauflos. Werde ich so weiter machen? Und weiter meine Fragen stellen und versuchen sie mir zu beantworten?

So will ich am Ende noch einmal zur Anfangsfrage zurückkehren. Warum ist also das Bloggen für mein Lernen hilfreich? Weil ich damit einen Ersatz für die Fachgespräche habe, die ich nicht führen kann. Das ist die spontane Antwort. Und wenn ich jetzt zur nützlicheren Wie-Frage wechsele, dann lautet sie, weil ich meinem eigenen Denken, meinen eigenen Bedeutungen dabei auf die Spur komme, weil ich mich selbst befrage, weil ich versuche eine Brücke zu schlagen zu den Inhalten die ich aufnehme. Weil ich mich über den Blog mit der Welt verbinde. Weil ich versuche dabei authentisch und gleichzeitig verständlich zu sein und versuche die aufgenommenen Inhalte anderer zu integrieren. Weil der Blog Inhalte für mich innerhalb meiner eigenen Weltwahrnehmung sinnvoll macht. Und weil sich aus Antworten wieder neue Fragen ergeben. Und weil mich das Blogschreiben zufrieden macht. Weil es sich wie eine authentische Leistung anfühlt und auch optisch eine Leistung darstellt, die durch den Akt des Lesen manchmal sogar zu einer Form der Kunst wird.

 

Referenz:

Deimann, M. (2014). „The dark side of the MOOC“: Eine Hochschule für alle? In Deutscher Akademischer Austausch Dienst e.V. (DAAD) (Hg.). Die Internationalisierung der deutschen Hochschule im Zeichen virtueller Lehr- und Lernszenarien. URL: https://www.wbv.de/openaccess/schlagwortverzeichnis/specialsearch/M/shop/detail/name/_/0/2/6004449w/special/keyword/Massive%20Open%20Online%20Course%20%28MOOC%29.html#single-4ed807c04966754e 

Immersion

Während die Wellen der Unzufriedenheit mit der Art der Betreuung von Modul 3B immer noch hoch schlagen, bin ich in die Beschäftigung mit dem abgeleisteten Praktikum eingetaucht. Über den LdLMOOC2 und den Beitrag zum letzten Hangout von Markus Birkenkrahe zu Immersion, habe ich jetzt einen Begriff für das was im Verlauf eines Semesters geschieht oder im Verlauf eines sehr interessanten MOOCs. Ich tauche immer stärker in eine Thematik ein, so stark dass ich nachts aufwache, weil mein Kopf voller Gedanken ist, die mich dann in der Regel dazu drängen sie auszuformulieren.

Inzwischen hat sich dadurch mein Tagesablauf so verlagert, dass ich gestern während der Mittagszeit, als ich mit den Kindern zu arbeiten begann, am liebsten ins Bett gegangen wäre, um einen Mittagsschlaf zu halten. Sie haben mich zwar sehr schnell wieder aus dieser Müdigkeit herausgezogen, allerdings bin ich dann so früh schlafen gegangen, dass ich bereits um 1.00 Uhr in der Nacht wach war. Am Tag zuvor hatte ich bereits um 4.00 Uhr mit Schreiben und Lesen begonnen. Der Vollmond momentan, die Zeitumstellung und auch die kürzer werdenden Tage tragen mit Sicherheit dazu bei, dass mein Rhythmus nicht mehr so ganz zum Üblichen passt, sondern sich an meinen eigenen Bedarf anzupassen beginnt.

Da die Aktivitäten in den sozialen Netzwerken abends am regsten sind, erwarten mich nach Hochfahren des Rechners eine Menge Posts, die ich zuerst bearbeite. Antworten kommen dann eben später. Synchronizität ist spannender, aber Asynchronizität flexibler. Danach wende ich mich meinen eigenen Inhalten zu. Ungestört, in der Stille und relativen Grenzenlosigkeit der Nacht.

Es erstaunt mich immer wieder, wie bei der Bearbeitung eines Moduls (oder eines MOOC) eine Lernwelt entsteht, die vorher so nicht da war und hinterher zu Erinnerung wird. Sie gewinnt im Prozess der Bearbeitung in meiner Wahrnehmung an Bedeutung, wird zu einem Arbeitsraum, stellt den Fokus ein auf bestimmte Erscheinungen, die immer klarer erkennbar werden, um dann am Ende wieder zu verblassen.

Zur Zeit entdecke ich das was ich vor Jahren getan habe ganz neu. Und je stärker ich in die Auseinandersetzung eintauche, um so mehr überrollte es mich mit seiner Komplexität. Ich benutze als Arbeitswerkzeug meinen Uniblog, der bisher nur im Rahmen des Moduls einsehbar ist, und da die Vorgaben des Lehrgebiets dunstig bleiben, gehe ich so vor wie es mir sinnvoll erscheint.

Aber wollte ich nicht eigentlich über Immersion schreiben? Darüber wie sich mehr und mehr Gedanken um das eine Thema drehen, wie es in Gespräche einfließt, wie sich alles darauf ausrichtet komplexe Zusammenhänge in einem Feld zu verstehen.

Zur Zeit schreibe ich Stückchen für Stückchen auf was ich über mein Praktikum im Zusammenhang mit dem Modul herausfinde und merke, dass ich dabei Grenzen einhalten muss. Ich habe mir ein ziemlich umfangreiches Projekt ausgewählt, das wird mir erst jetzt klar und meine Arbeitszeit ist begrenzt, wenn ich im vorgegebenen Zeitrahmen fertig werden will. Ich muss eine Methode entwickeln. Wo ist Kleinteiligkeit sinnvoll und wo geht sie zu weit? Hier brauche ich eine Visualisierung. Wie bekomme ich diese Komplexität in ein Bild? Was für eine Theorie eignet sich als Begründung und wo finde ich schnell entsprechende zitierfähige Literatur? Könnte man da nicht wunderbar forschen? Als ich das Praktikum durchgeführt habe, wusste ich noch nicht wie man das wissenschaftlich fundiert macht. Ich habe nur intuitiv geforscht, das ist aber viel zu wenig.

Sehr viele Nebenbeidings werden sichtbar. Ich muss wieder zurück zum Fokus. Und dann bin ich erschöpft. Ich schaffe ein gewisses Stundenpensum pro Tag, dann kann ich nicht mehr weiter machen, auch wenn mir noch freie Zeit zur Verfügung steht. Auch dafür muss ein Umgang gefunden werden.

Das Arbeiten am Modul wird zu einem sich über Wochen erstreckenden Gesamtkomplex mit Ruhezeiten und Pausen, mit Unterbrechungen durch andere Verpflichtungen, mit Gedanken, die sich in Tätigkeiten hineinmischen, die Raum dafür lassen (wie Putzen beispielsweise oder Kochen). Und an den verschiedensten Orten finden sich Fundstücke. Informationen, die zum Thema passen. Die Wahrnehmung wird selektiver und im selektierten Bereich feiner. Andere Interessen treten zurück, um Platz zu schaffen.

Ich kann die Position bestimmen auf der ich mich im Prozess befinde, kann aber den Prozess nicht überblicken und weiß noch nicht wo er mich hinführen wird. Ich weiß nur, dass er irgendwann zu Ende sein wird. Wenn die Arbeit getan, das Modul beendet ist.

Jetzt werde ich mich allerdings noch einmal ins Bett legen. Nachdem ich die drängensten Gedanken losgeworden bin merke ich, dass ich doch noch nicht ausgeruht genug bin, um den Tag tatsächlich zu beginnen. Aber sobald ich später Zeit habe, mache ich gleich weiter, verwickelt in meine eigene Arbeits- und Lernwelt, an der die Menschen meiner physischen Umwelt keinen Anteil haben, denen ich mehr und mehr fremd werde, da sie das nicht sehen können was ich tue. Mich bewegend zwischen verschieden virtuellen Orten, die zum Arbeitsplatz und Austauschplatz werden, Stellen an denen Informationen eingeholt und hinterlassen werden, Orte an denen ich mit meinem Tun sichtbar werde und an denen ich andere in ihrem Tun wahrnehmen kann.

1974

Wenn man unter meinem Geburtsnamen googelt, findet man zwei Artikel aus dem Zeit-Archiv von 1974. Die sind aber nicht von mir. Ich weiß schon lange dass sie dort sind, und sie tauchen bei Suchanfragen nach meinem Namen auch seit Jahren ganz weit oben auf. Sie verschwinden nicht in den Tiefen des Netzes wie andere Beiträge die mal kurze Zeit top sind und dann auf Nimmerwiedersehn versinken.

Nach Jahren ist es mir endlich eingefallen. Das war ein Mann aus einer anderen Kleinstadt, bei der ich lange Jahre dachte sie sei nur ein Dorf mit Bahnhof, der hat unter meinem Namen auf Jugendseiten veröffentlicht, weil er sonst dort keinen Zutritt bekam. Es war eine merkwürdige Zeit und damals gab es skurrile Gestalten. Ich glaube die meisten die irgendwie anders waren, hatten einen massiven psychischen Schaden  spezifischer Art. Er hat mich nicht verstanden und nach seinen merkwürdigen Vorstellungen interpretiert und ich wusste nie so recht was er eigentlich von mir wollte, hatte aber auch nie einen Grund etwas gegen ihn zu unternehmen. Glaube ich zumindest. Aber wer weiß. Irgendwie sind da dunstige Erinnerungen an irgend etwas anderes. Er war da und war merkwürdig. Er wollte schreiben, lebte bei seiner Mutter, war sehr viel älter als ich und irgendwie überall deplatziert. Ich bin diesem Menschentypus schon lange nicht mehr begegnet.

Merkwürdig waren damals viele. Wenn ich genau überlege, dann waren es die meisten. Es war die Zeit wo Leute in unserer Region begannen sich zu befreien. Aus dieser unglaublichen Dunkelheit und Enge. Aus diesem Mief. Wo die Schwulen und Lesben gebrandmarkt waren oder deformiert durch das Leben zu dem sie verbannt waren, wo die Drogen manchen ein Ausweg schien, der viele davon das Leben gekostet hat. Erst kürzlich ist wieder einer an den verzögerten Folgekosten gestorben.

Wenn ich mich daran erinnere, dann wird mir so richtig gruselig. Wir hatten ein demokratisches Grundgesetz und Menschen denen der Faschismus tief in den Knochen steckte. Ich will dort niemals, niemals mehr hin zurück. Ich will überhaupt nicht an irgendeinen Punkt der Vergangenheit. Am liebsten hätte ich es sowieso wenn das alles endlich enden würde. Diese ganze Menschenfeindlichkeit in all ihren Facetten.

Wenn ich an diesen Mann denke, dessen Artikel unter meinem Namen im Netz hängen, dann greifen finstere Gespenster aus der Vergangenheit nach mir. Entnazifiziert. Nein, diese Dörfer und Kleinstädte wurden nicht entnazifiziert. Sie durften dort ihre bösartige, gehässige, menschenverachtende Denkweise weiter betreiben. Sie mussten nur ein bisschen schweigen lernen und anders formulieren. Die Welt haben sie aber noch genauso gesehen. Wir sind besser und haben mehr Rechte und alles Fremde hat sich unterzuordnen, anzupassen oder hat zu gehen. Sonst wird es bis zum Letzten schikaniert.

Und genau so haben sie es eingerichtet. Und so haben sie ihre eigenen Kinder behandelt. Die passenden und die unpassenden. Ohne Reflexion. Überzeugt.

Ich mag diese Feste nicht wo sie Altertümliches zelebrieren. Diese Vergangenheit sollte abgeschüttelt werden und überwunden, nicht verklärt und verherrlicht.

Die Artikel im Netz gemahnen mich. Mach deine Augen auf und schau genau hin. Was ist noch immer da und nicht verschwunden und wie lässt es sich beseitigen, damit es niemals mehr einen Menschen quälen kann.

Schau ganz genau hin! Und lerne es mit den richtigen Worten zu benennen!