Bildungsmäuschen

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Lesen im digitalen Zeitalter

Es fühlt sich an als sei der Zeitpunkt erreicht, an dem ich die Nase von den Verkrampfungen institutionaliserter Bildung voll habe.

Eine der Neuerwerbungen meiner städtischen Bücherei trägt den Titel Die digitale Revolution – Jugendliche lesen anders und hatte bei mir einen anderen Inhalt nahe gelegt als ich dann vorgefunden habe. Erwartet hatte ich eine Konzentration auf das aktuelle Leseverhalten von Jugendlichen, gefunden habe ich ein recht komplexes, aktuelles Werk über das Lesen an sich. Als Manga und Graphic Novel Fan, Bilder Lesende, Erziehungserfahrene, langjährige Vorlesepatin und als nach den Emotionen im Kontext von Bildung Angelnde bin ich mit dem Inhalt ausgesprochen zufrieden. Der Autor, Gerhard Falschlehner, kennt sich aus – mit dem Lesen und der Vielfalt aktueller Medien. Er ist etwa in meinem Alter, lässt seine vielfältigen persönlichen Erfahrungen in dem Buch durchscheinen und ist für mich auf Grund eigener Erfahrungen sehr gut nachvollziehbar.

Seine Herangehensweise ist komplex, Lesen ist für ihn ein umfassender Vorgang der Entschlüsselung von Bildern, Schrift und Informationen – ein multimodaler Vorgang und – er ist ein emotionaler Prozess. Genau so wie er es tut wünsche ich mir Emotionen eingebunden.

Ihm geht es um Leseförderung und ihm geht es auch um die etwa 20% an Kindern, die nie richtig lesen lernen. Für ihn spielt es keine Rolle wie und was gelesen wird. Er geht davon aus, dass jedes Kind etwas hat an dem es interessiert ist und dass es für die Förderung des Lesens keine Rolle spielt ob dafür Sammelkarten, Comics, Mangas, Straßenschilder, Zeitschriften, Bücher, Romanheftchen, SMS-Romane, Hörspiele oder Informationen in Videospielen verwendet werden. Alles was einen Anlass zum Lesen bietet ist geeignet. Was Interesse weckt und emotional bedeutsam ist motiviert. Daher stehen digitales Lesen, Lesen von Bildern sowie das Lesen von dreidimensionalen Informationssystemen gleichberechtigt neben den Medien eines traditionellen Leseverständnisses.

Sein Buch entkrampft. Doch auch er lässt Probleme mit dem schulischen Systems sichtbar werden – in Form einer dort verbreiteten eingeschränkten Sicht auf Lesen – und dieses Mal reicht es mir. Meine eigene Erfahrung belegt mir, dass er damit Recht hat, dass Lesen und Lernen vor allem eines sein sollen, etwas das man bereitwillig und wenn möglich auch gerne tut, weil die Sache selbst eine Bedeutung hat. „Lesen darf hemmungslos Spaß machen, urspannend und untief sein und auch unanständig; es darf trivial, kitschig, klischeehaft sein – so wie das Leben selbst.“ (Falschlehner, 2014, S. 198) Ich habe in meinem Leben alles gelesen was ich lesen wollte, darunter auch Bilder und Zeichen, gleichzeitig habe ich aber gelernt, dass es Normen für hoch- und minderwertiges Lesen gibt und dass für Bildung förderlich nur das Lesen gilt, das als hochwertig eingestuft wird.

Das kann zu einer Schädigung der emotionalen Bewertung des Lesens führen, zu einer Blockade des Flusses (Flow), zu Beschränkung, Einengung und letztlich Diskriminierung. Es ist dann nicht mehr möglich alles zu verwenden und sich auf alles einzulassen, die Erfüllung festgelegter Normen gewinnt an Bedeutung und Unpassendes muss verbannt werden. Tschüß freie Entfaltung von Kreativität. Ich brauche solche Strukturen aber nicht mehr.

Wie war das noch mit der Mündigkeit und dem eigenen Verstand? Manchmal ist dafür allerdings eine kompetente Unterstützung notwendig, um die Gedanken in eine neue Richtung zu lenken. Die habe ich in diesem Buch gefunden. Sollte ich in der nächsten Zeit anderen etwas über das Lesen lernen vermitteln sollen, ich denke, ich würde diese Buch als Grundlage verwenden.

Referenz:

Falschlehner, G. (2014). Die digitale Generation. Jugendliche lesen anders. Wien: Ueberreuter.

Viele Fragen

Da mir die Texte, die ich im letzten Blogeintrag verlinkt habe, sehr aufschlussreich für das Thema Emotionen in Bildungskontexten erschienen, habe ich sie inzwischen intensiver durchgearbeitet. Ergebnis: 14 beidseitig beschriebene Blätter auf meinem Collegeblock.

Am Ende hatte ich den Eindruck, da sei jetzt eigentlich alles gesagt und ich hätte mir das letzte dreiviertel Jahr Recherche und Nachdenken sparen können. Frustrierend und hoffnungslos, denn worüber soll ich meine BA schreiben, wenn schon alles klar ist?

Zum Glück gibt es nie ein Ende. Und zum Glück gibt es die Reflexion. Auch die besten Texte und Zusammenfassungen haben Lücken. Oder noch besser, es gibt auch noch das Außerhalb-der-Box-Denken. Nachdem ich bereits in praktizierter Form darauf gestoßen war, flog mir der Begriff in der SWR-Comedy-Bühne Spätschicht zu (Anstöße für Erkenntnisse, also auch für Bildung, können überall her kommen).

Beide Texte nehmen Emotionen ernst und schätzen sie als bedeutungsvoll für schulisches Lernen ein. Die Schlussfolgerungen sind dabei differenziert, die erfassten Bereiche umfangreich. Das ist an meinem Interesse gemessen sehr positiv, jetzt kommt allerdings das ABER.

Gedacht wird innerhalb des bestehenden schulischen Systems. Es gibt dabei Verweise auf Einflüsse von außen, trotzdem bleiben die Ausführungen weitgehend auf den Ablauf von Unterricht einschließlich der Bewertungen des Lernerfolgs der Schüler ausgerichtet. Nach einem fast abgeschlossenen BA-Studium der Bildungswissenschaft erscheint mir das nicht ausreichend und zu losgelöst von wichtigen Einflussfaktoren auf die Emotionen von Schülern. Sozusagen entkernt und auf ein Maß reduziert, das nur offizielle Ansprüche widerspiegelt, aber nicht die ganze Bandbreite von Erscheinungen.

In der Einleitung zum englischsprachigen Text beschreibt Pekrun den Klassenraum als emotionalen Ort. Er unterteilt dabei in drei Bereiche, in denen Emotionen einen Effekt auf das Lernen haben.

  • Emotionen, die sich auf Lernen und Lerninhalte beziehen
  • Emotionen, die sich auf Personen beziehen
  • Emotionen, die von außen kommen

Bildungsarbeit sieht er als das Bemühen Menschen Handlungsfähigkeit und Mündigkeit zu ermöglichen.

Pekrun gibt an, dass er sich in seinem Text auf die Emotionen von Schülern in der Schule konzentriert. In Bezug auf Differenz betont er die Aspekte der Universalität aber auch der Einzigartigkeit von Emotionen. Innerhalb von Gruppen, mit denen er beispielsweise Ethnien, Geschlecht oder soziale Herkunft meint, sieht er größere Unterschiede als zwischen den Gruppen selbst und rät daher zu einer Vermeidung von Stereotypen und zu einem individuellen und gleichzeitig achtsamen Denken in Bezug auf jeden einzelnen Schüler.

Weitere von ihm erwähnte Aspekte sind die Nichtvergleichbarkeit von Fächern in Bezug auf die dabei auftretenden Emotionen bei der gleichen Person, als auch die Veränderlichkeit von Emotionen über den Zeitverlauf. Er verweist darauf achtsam gegenüber dem Auftreten von Emotionen zu sein.

In Bezug auf Selbstvertrauen und Emotionen konzentriert er sich ebenfalls auf den Einfluss individueller Faktoren und unterteilt dabei in

  • auf Genen basierend
  • auf physiologischen Prozessen basierend
  • durch frühe Lernerfahrungen bedingt
  • von persönlichen Werten ausgehend
  • vom cognitive appraisal ausgehend

Bei der Beschreibung der Regulierung von Emotionen ist es daher nicht notwendig auf einen unterschiedlichen Bedarf unterschiedlicher Gruppen zu verweisen, sondern er kann sich allein auf Methoden der Emotionsregulierung und deren Förderung für alle konzentrieren. Extrem negative auftretende Emotionen werden dabei in den Zuständigkeitsbereich der Psychotherapie verwiesen. Strukturelle und institutionelle Probleme finden keine Beachtung.

Im zehnten Abschnitt des Textes geht er allerdings auf Einflüsse ein, die von außen ins Klassenzimmer vordringen. Er unterteilt in

  • Familie und Peers
  • Schulorganisation
  • Gesellschaft

Als Problemfelder in Bezug auf Emotionen werden der Wettbewerb zwischen Schulen erkennbar als auch die frühe Zuordnung zu Schulen mit unterschiedlichem Leistungsniveau.

Bullying und Schikane bleiben in diesem Textteil, wie auch schon Emotionen und Selbstvertrauen zuvor, individuelle Erscheinungen gegen die vorgegangen werden muss, allerdings mit dem Hinweis verbunden, dass sich die individuelle Verbesserung sozialer Kompetenz von Mobbern und Schikanierern als unzureichend herausgestellt hat. Eine Verbesserung sozialer Kompetenz scheint die Situation eher zu verschlechtern. In diesem Fall wird nur die Einbeziehung der ganzen Schule (ich muss dabei an Formen wie Schule ohne Rassismus denken) als erfolgversprechend eingestuft.

Ganz sanft deutet sich am Ende noch weiteres Konfliktpotential an: die Beachtung von Schulorganisation, Schulleitung und Schulsystem soll dabei helfen Möglichkeiten und Begrenzungen des Handelns zu erkennen. Gekoppelt mit dem sanften Hinweis, dass es in Zeiten schneller Veränderungen zu Ergebnissen führen kann, wenn die eigene Stimme erhoben wir, um auf Problematiken hinzuweisen.

Zustimmen kann ich nach meinen Recherchen den Schlussfolgerungen,

  • dass in Lernzusammenhängen viele Emotionen auftreten,
  • dass diese komplexe Effekte haben,
  • dass sie Kernelemente von Schüleridentität und Wohlergehen sind,
  • dass positive, also als angenehm wahrgenommene Emotionen, nicht immer gut für das Lernen sind,
  • als auch dass negative, also als unangenehm wahrgenommene Emotionen, nicht immer schlecht dafür sind,
  • und dass Lehrende Schüleremotionen beachten sollten (allerdings auch die eigenen).
  • Tendenziell lässt sich allerdings durchaus sagen, dass positive Emotionen einen positiven Effekt für das Lernen haben und negative einen negativen. (Nicht erwähnt wird von Pekrun, dass Vereinfachungen in diesem Fall sehr fatale Wirkungen haben können.)

Nach einer genaueren Beschäftigung mit dem Text fehlt mir zu viel von dem was für mich bedeutsam ist, während der Text selbst auf mich wirkt, als seien doch eigentlich alle Problematiken im Griff. Mich selbst nehme ich durch den Text als ausgegrenzt wahr. Mir fehlen mindestens die Aspekte der Formung von Emotionen durch die soziale Umwelt gerade auch von außerhalb des Klassenzimmers, kurz, mir fehlt vor allem die Berücksichtigung soziologischer Aspekte.

Zu berücksichtigen ist hier, dass es sich um einen der pädagogischen Psychologie zuzuordnenden Text handelt, der zudem Emotionen individualisiert, obwohl er kausale Zusammenhänge für spezifische Situationen formuliert. Schulische Situationen sind aber keine natürlichen, sondern gesellschaftlich geformte Zusammenhänge.

Der Text weist durchaus mit der Absicht der Verbesserung darauf hin, dass in schulischen Struktur verwendete Praktiken zu typischen Emotionen führen. Beispielsweise gibt es bei sozial vergleichender Benotungen Gewinner als auch Verlierer. Die emotionalen Folgen für die Gewinner sind dabei günstig, während sie für die Verlierer ungünstig sind. Im schulischen System erzeugte Emotionen stehen dabei in einem unmittelbaren Kontext mit der umgebenden Gesellschaft, ihren Werten und auch der Reproduktion von Ungleichheit.

Zurück zu dem Außerhalb-der-Box-Denken. Dieser Text kesselt mein Denken ein. Er erlaubt nur ein Denken innerhalb eines bestehenden Systems, aber nicht darüber hinaus. Er setzt Bestehendes als grundsätzlich richtig an und sät keine Zweifel. Trotz aller Hinwendung, die Emotionen erfahren, sind sie doch weiterhin nur zu gestaltende Begleiterscheinungen, die nutzen und nicht stören sollen. Für mich sind sie wie ein Tiger, dem man die Zähne gezogen und die Beine gebrochen hat. Zahm gemacht um wunschgemäß zu funktionieren.

Für mich ist das vergeudetes Potential. Und gefährlich. Was geschieht wenn es nicht funktioniert? Berechtigte Auflehnung – ab in die Therapie? Negative Emotionen – nur ein Methodenproblem oder individuelles Defizit?

Hervorgehend aus meinem Exkurs dazu wie sich Diskriminierung anfühlt, habe ich Zuordnungen vorgenommen wie auf begleitende Emotionen reagiert werden könnte.

  • Unsicherheit – Sicherheit erhöhen
  • Depression – positives Emotionserleben fördern, Achtsamkeit auf andere Bereiche umlenken
  • Angst vor Zurückweisung – Respekt, Akzeptanz
  • Wut – Entschuldigung, Verbesserungsmaßnahmen, Änderungen

Insgesamt bleibt für mich allerdings der Eindruck, dass ich in der von Pekrun vorgeschlagenen Form nicht denken kann. Ich kann sie auch nicht mit den mir fehlenden Teile ergänzen. Auch wenn er sehr nachvollziehbar darstellt weshalb positive Emotionen nicht immer einen positiven Lerneffekt haben und negative nicht immer einen negativen, so reicht das mir noch nicht für meinen Erkenntnisbedarf.

Ich denke eher in Richtung eines emotionalen Raums in Form einer emotionalen Konstruktion der eigenen Geschichte und Weltwahrnehmung in dem sich jedes Individuum befindet. Emotionen sind dabei der Ausdruck dieser Weltwahrnehmung und damit Informationsquellen ähnlicher Form wie Gedanken. Sie bilden Einschätzungen ab und geben Lerninhalten Bedeutung. Sie sind zwar individuell, basieren aber auf einem Menschen als biologischer Art gemeinsamen Potential. Bei ähnlichen Einflüssen auch sozialer Art kommt es zu ähnlichen Zusammenstellungen von Emotionen. In dieser Weise produzieren ähnliche schulische Situationen auch ähnliche Emotionen. Dadurch ergibt sich die Nachvollziehbarkeit für andere.

Emotionen stehen dabei auch in einem engen Zusammenhang mit Normalitätsvorstellungen und -wahrnehmung. Nach Ben-Ze’ev (2009, S.13) können Emotionen als Reaktionen auf bedeutsame wahrgenommene Veränderungen verstanden werden. Solange nicht etwas besondere Aufmerksamkeit auf sich zieht, entstehen nicht in besonderer Weise Emotionen. Es bleibt bei dem was von Damasio (2006, S. 207) als Hintergrundempfindungen bezeichnet wird.

In seinem Text selbst liefert Pekrun keine Definition dafür was Emotionen für ihn sind. Im Text verstreut finden sich Bezugnahmen auf Emotionstheorien, die ich allerdings nicht zusammengefasst habe. Es ist einer der Texte, die davon ausgehen, dass den Lesenden bekannt ist wovon die Rede ist. In der Regel greifen diejenigen dann auf ihre von ihrem Alltags- oder Fachwissen geprägten impliziten Vorstellungen zurück. Für einen Erkenntnisgewinn ist das nicht unproblematisch.

Als Schlussfolgerung ergibt sich für mich an diesem Punkt, dass es für eine bessere Einschätzung der mit diesem Text verbundenen Problematiken günstiger wäre, erst einmal auf die Vorstellungen des Autors zu dem was Emotionen sind zurückzugreifen. Möglicherweise lässt sich schon an dem Punkt erkennen, ob das was mir fehlt mit einer unterschiedlichen Vorstellung davon, was Emotionen sind, erklären lässt. Möglicherweise handelt es sich aber auch vor allem um einen anderen Blickwinkel der Weltwahrnehmung.

Referenzen:

Ben-Ze’ev, A. (2013). Die Logik der Gefühle. Kritik der emotionalen Intelligenz (2. Aufl.). Frankfurt: Suhrkamp.

Damasio, A. R. (2004). Descartes’ Irrtum. Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn. Berlin: List.

Emotionen und schulisches Lernen

An dieser Stelle nur zwei Links zu empfehlenswerten Texten mit denen ich momentan arbeite. Sollte ich vom handschriftlichen zum digitalen überwechseln, folgt eventuell noch mehr.

Emotionen und Lernen von Pekrun (englisch):

http://www.ibe.unesco.org/en/document/emotions-and-learning-educational-practices-series-24

Dazu ein Beitrag auf der Seite der LMU München vom 18.11.15 (deutsch):

http://www.uni-muenchen.de/forschung/news/2015/sl_pecrun_lernen.html

Praxisbezüge, Professionalisierung und Selbstbewusstsein

Ein Effekt der Beschäftigung mit meinem Praxismodul im BiWi-Studium ist es, dass alle meine praktischen Tätigkeiten im Bereich Bildung stärker in den Fokus geraten. Das hat sich auch in einigen Blogbeiträgen der letzten Zeit schon bemerkbar gemacht und heute habe ich zwei neue Unterkategorien eingeführt: Kita und Grundschulbetreuung. Meine Tätigkeiten waren zwar die ganze Zeit als Erfahrungshintergrund vorhanden und lieferten für etliche Auseinandersetzungen mit den Themen von Studium und MOOCs Beispiele und Grundlagen, aber was jetzt geschieht ist neu. Den Pflichtblog des Moduls habe ich genutzt, um Aspekte der Auseinandersetzung mit einer alten Tätigkeit zu dokumentieren. Ich habe dabei versucht das was ich getan habe systematisch zu erfassen und dabei mit Theorien und den Inhalten der Studienbriefen zu verbinden.

Mein Gehirn funktioniert nun allerdings so, dass es genau das Gleiche beginnt auch mit Ähnlichem zu tun. Ist es nun das Kochen in der Kita, das Vorlesen oder der heutige Freiwilligentag der Lebenshilfe, alles wird plötzlich unter Bildungsaspekten untersucht und mit neuen Kontexten verbunden. Dazu gehört auch meine Haupttätigkeit, die Arbeit als Grundschulbetreuerin. Ich wende Lehrinhalte direkt auf die Analyse von Praxis an.  Die Veränderung in meiner Herangehensweise lässt sich dabei durchaus als Professionalisierung bezeichnen. Dieser Begriff wurde im MOOC Teaching for Learning 7 im Kontext von Schullehrern behandelt und gehört seitdem zu meinem Vorstellungsbildern dazu. Durch die Verwendung des Begriffs findet sich sehr schnell ein passender Wikipediaeintrag,  der weiteren Gedankeninput gibt, gleichzeitig aber auch weiteren Klärungsbedarf zeigt. Effizienzsteigerung, Qualitätsverbesserung und Standardisierung werden dort als mögliche Folgen von zuvor nur privat oder ehrenamtlich ausgeübten Tätigkeiten beschrieben.

Plötzlich wird der Inhalt des Moduls sehr spannend, und der Wunsch wächst mehr praktische Erfahrungen zu machen, mit denen dann gearbeitet werden kann. Erfahrungen jeglicher Form, ganz gleich ob gute oder schlechte. Alles kann als Analysematerial Verwendung finden. Dabei wächst gleichzeitig der Wunsch die Inhalte, Texte und Theorien besser zu verstehen, um sie auch anwenden zu können. Blicke ich momentan auf den Bereich Emotionen, Motivation und Einstellungen, so finde ich dort vor allem sehr positive Werte. Und das habe ich kürzlich gelernt. Genau dieser Bereich wird viel länger erinnert und hat langfristigere Auswirkungen als der Erwerb von Faktenwissen oder auch von Konzepten.

Um den gesamten Titel des Beitrags abzudecken, fehlt jetzt nur noch der Blick auf den Bereich Selbstbewusstsein. Ich arbeite als zusätzliche Grundschulbetreuerin, d.h. ich habe keine eigene Gruppe, und seit geraumer Zeit ist mein Arbeitsplatz primär der Schulhof. Ich gewährleiste in meiner Arbeitszeit, dass die Kinder der Betreuung wählen können ob sie sich drin oder draußen aufhalten möchten, und es gibt nur sehr selten Tage an denen der Außenraum nicht nachgefragt ist. Ich benutze dafür seit langem eine große Arbeitstasche mit verschiedenen bewährten Materialien, die ich den Kindern zur Verfügung stelle, um das Spielangebot zu verbessern. Mein Zeitrahmen ist nur klein und über lange Zeit musste ich mit der Bahnhofssituation einer sich im Zeitrahmen einer guten Stunde  fortwährend ändernden Gruppenzusammensetzung von Kindern des gesamten Altersspektrums der Grundschule fertig werden. Es ist schwer eine solche Situation zu bewältigen und es ist unangemessen einer Person, die in diesem Rahmen an einer Schule arbeitet Schuld am auffälligen Verhalten von Kindern anzuhängen.

Ich habe mein Möglichstes getan um die Situation zu bewältigen, denn ändern konnte ich sie nicht. Die Situation war von Seiten der Schule vorgegeben und diese sah lange keinen Änderungsbedarf, bzw. keine Änderungsmöglichkeit. Da ich einerseits trotz allen Widrigkeiten sehr gern mit Kindern arbeite und andererseits auch keine passende Alternative finden konnte, musste ich mich damit arrangieren. Ich war immer wieder damit konfrontiert, dass die Kinder auf den Schulhof kamen, dort erst einmal vollkommen aufdrehten, um dann nach und nach in verschiedenen Formen in einen Spielfluss zu gelangen. Hatte sich die Gruppe während des Tages und im Verlauf des Schuljahres zu einem friedlichen Miteinander bei weitgehend freien Spielmöglichkeiten entwickelt, so war mein Ziel erreicht und ich konnte beginnen die Kinder bei Bedarf mit neuen Spiel- und Beschäftigungsmöglichkeiten zu konfrontieren.

Inzwischen werden die Dritt- und Viertklässler weitgehend außerhalb der Betreuung, die man direkt vom Schulhof aus erreicht, im Schulgebäude von Mitarbeitern der Schule betreut, kommen also in der Nachmittagszeit sehr wenig nach draußen. Außer Freitags. Da waren dieses Schuljahr bisher auch die älteren Kinder mit in der Betreuung.

Auf dem Schulhof ist es inzwischen recht friedlich. Die Erst- und Zweitklässler begeistern sich momentan vor allem für gemeinsames Seilhüpfen, Hangeln, Pferdchenspiele, Seifenblasen, Fernglas, Schaukeln, Klettern und bei den Jungen für Fußball. Gelegentlich wird auch auf dem Schulhof gebastelt und gelesen.

Nur Freitags wird es unangenehm. Viele der Dritt- und Viertklässler verhalten sich genauso destruktiv wie zuvor und sie haben sich bereits so verhalten bevor ich gekommen  bin. Ich habe das auch nicht verursacht, weil ich möglicherweise nicht streng genug bin oder einfach einen anderen Umgang mit Kindern pflege als Lehrer. Etliche Kinder beschwerten sich gestern darüber, dass sie immer drin sein müssen und nur Aufgaben machen und vorgegebenen Aktivitäten nachzugehen haben und nicht die Freiheiten der Betreuung genießen.

Als die Dritt- und Viertklässler nicht mehr raus durften und ihnen lernfördernde Aktivitäten verordnet wurden, habe ich meine Bedenken geäußert. Ich habe darauf hingewiesen, dass sich die Gruppe auch bei einem ständigen Kinderwechsel im Lauf der Zeit auf dem Schulhof „zusammenrauft“. Dass soziales Lernen in einem offenen aber begleiteten Rahmen einen eigenen Wert darstellt. Dass sich große altersgemischte Gruppen an Schulen dafür gut eignen. Es ist ein wenig wie beim freien Spiel in Kitas. Momentan scheint es in der Phase zu sein, dass es seinen Wert gegenüber gestalteten Bildungsangeboten einbüßt.

Mal davon abgesehen dass ich jetzt die Idee in meinem Kopf habe argumentativ auch das freie Spiel dadurch aufzuwerten, dass es in einen passenden theoretischen Zusammenhang gestellt wird, fühle ich mich jetzt vor mir selbst rehabilitiert. Ich habe die Bestätigung nichts falsch gemacht zu haben und mit meiner Einschätzung richtig gelegen zu haben. Unter den durch die Schule verbesserten Bedingungen von weniger Kindern, die sich eher als gemeinsame Gruppe verstehen und auch über einen längeren Zeitraum gemeinsam auf dem Schulhof bleiben, bei einer Altersgruppe, die noch sehr stark an ihren Kitaerfahrungen anschließen kann, spielt sich sehr schnell ein friedlicher Umgang miteinander ein, während die Kinder, die davon ausgeschlossen sind, auf die Schulhofsituation bezogen nicht dazugelernt haben. Die Probleme mit ihnen sind freitags mindestens genauso schlimm wie zuvor.

Ab nächster Woche werden sie auch freitags in der Schule durch eine Lehrerin betreut. Mich freut es für mich, ich denke aber auch an die Kinder. Einem Mädchen, das sich beklagte, habe ich gesagt, vielleicht ändert es sich ja auch für euch. „Nein“, meinte sie, „das bleibt so. Ich wünschte, ich wäre noch in der zweiten Klasse und könnte in eure Betreuung gehen.“

Ich bin keine Lehrerin, nein, aber ich bin eine erfahrene Betreuerin die sich immer Gedanken darüber gemacht hat wie sie den Rahmen, der ihr gegeben ist, besser gestalten kann. Die seit vielen Jahren Kinder beobachtet und versucht Strategien zu finden, die ein friedliches freundliches Miteinander fördern. Ich habe keine schlechte Arbeit geleistet, nur deshalb weil ich nicht über eine formale Ausbildung verfüge. Es ist unzulässig mir die Verantwortung für Probleme zuzuschieben, die ich nicht ursächlich erzeugt habe. Durch meine momentanen Erfahrungen fühle ich mich bestätigt und lerne dabei immer besser mich gegen Zuschreibungen anderer abzugrenzen. Es ist einfach von außen zu schauen und zu sehen, da läuft etwas nicht rund und dann kurzsichtig davon auszugehen, die Personen in dieser Situation erzeugen das, wenn sie dabei letztlich nur Symptome bekämpfen können.  Ich weiß inzwischen, dass Schulleitungen und Lehrer häufig genau in dieser Situation sind und etwas auszutragen haben, das von oben ungünstig und die tatsächliche Situation nicht betrachtend angeordnet wurde. Im Zusammenhang mit Qualitätssicherung und Planung sind solche Faktoren aber zwingend zu berücksichtigen, um nicht zu falschen Schlüssen und falschen Entscheidungen zu kommen.

Ich sollte überlegen in welcher Form ich wen an der Schule zielfördernd auf die Probleme einiger Kinder ansprechen kann. Genau für so etwas wollte ich ja auch mehr Kenntnisse über Theorien und Zusammenhänge erwerben…

Schule und Führung

Seit Sonntag (heute ist Mittwoch) komme ich mit meinem Blog für 3B nicht mehr voran. Im Bereich Durchführung des Praktikums bin ich auf emotional sehr schmerzhafte Erfahrungen getroffen, mit dem Effekt dass die Kopfmühle zuerst sehr stark zu rattern begann, für mich Erstaunliches zum Vorschein brachte, um sich dann aber zurückzuziehen. Ich habe in der Zwischenzeit viel geschlafen, nachgedacht, Dinge gelesen, die nichts mit dem Thema zu tun haben, weiß inzwischen wie Hangul, die koreanische Schrift, funktioniert, habe liegengebliebene alltägliche Verpflichtungen aufgearbeitet und mich erfolgreich davor gedrückt einen kürzlich erstellten Zettel weiter abzuarbeiten.

Es ist nicht ganz einfach zu beschreiben was vor sich geht. In mir arbeitet es weiter, ich tue aber alles um nicht genauer hinzuschauen, weil es mich emotional überfordert. Daher komme ich mit 3B momentan nicht voran. Gleichzeitig habe ich aber das Bedürfnis weiter zu arbeiten und fühle den Druck das geplante Pensum zu erfüllen und das Praktikum für mich durchschaubarer zu machen. Jetzt verlagere ich diese Wünsche jedoch und sorge für Beschäftigung, ohne mich mit dem Eigentlichen zu beschäftigen. Es ist eine sehr unbefriedigende Situation, ich bin aber emotional einfach nicht in der Lage auf meinem Blog zu 3B das Praktikum weiter zu beschreiben oder mich mit der gesamten Thematik von 3B weiter zu beschäftigen. Daher werde ich jetzt zur Annäherung ein Thema aufgreifen, auf das ich vor etwa zwei Wochen gestoßen bin, das ich schon da aufschreiben wollte, wofür ich aber bisher keine Zeit gefunden hatte.

Bestandteil der Reihe Teaching for Learning sind Gespräche zwischen dem Organisator der Reihe, John MacBeath, und in der Regel den jeweiligen Akteuren der Kurse, die von den Studierenden dann beobachtet werden können. Es handelt sich dabei um Fachgespräche, durch die Themen der MOOCs noch einmal anders betrachtet werden können. Im allerletzten Beitrag des 7ten Kurses ging es um die Bedeutung der Schulleitung und Stephen Dinham und John MacBeath tauschten sich über an Schulen bestehende Strukturen aus.

Aus meinen Notizen:

  • Eine gute Schule ist nur mit einer guten Führung möglich.
  • Gruppierungen von Lehrern haben einen großen Einfluss auf die Leitung der Schule.
  • Unterschiedliche Führung in unterschiedlichen Fachbereichen kann zu unterschiedlicher Qualität von Bereichen an Schulen führen.
  • An Schulen können verschiedene Gruppen existieren, die in verschiedene Richtungen ziehen.
  • Es kommt häufig vor, dass die Gesamtführung nicht gut ist.

In dem ganzen Gespräch wurde sichtbar, dass beide über eine Reihe von Erfahrungen mit schlechter Führung an Schulen verfügen durch die Schulentwicklungen behindert werden und sehr bedauern, dass es so ist. Mich hat es verblüfft, das hier so klar formuliert zu finden. Ich bin Verschleierungen, Schuldzuweisungen und Ausflüchte gewohnt.

Kurz darauf stieß ich in einem zum Modul 3B gehörenden Studienbrief zu Qualitätssicherung und Evaluation auf Texte, die sich genau mit diesem Thema beschäftigten. In meinem Studium habe ich es vermieden die für Schule relevanten Bereiche zu wählen wenn ich eine Wahlmöglichkeit hatte, ich wollte lieber etwas über andere Bildungsbereiche erfahren, weiß von daher nicht was diejenigen für Informationen erhalten haben, die sich auf Schule konzentriert haben. Für mich war es sehr überraschend nach dem MOOC auch in meinem Studienbrief die Aussage zu finden: „Es ist inzwischen wohl unbestritten, dass ohne oder gar gegen die Schulleitung Schulentwicklung nicht funktionieren kann. Das Gleiche gilt aber auch für das Kollegium.“ [1]

Ich will jetzt nicht im Detail auf weitere Inhalte von MOOC und SB eingehen, zu denen Beschreibungen guter Führung und zu vermeidender Fehler gehören, sondern den Schock beschreiben, der bei mir ausgelöst wurde. Das ist auch der Grund warum es mich noch immer beschäftigt. Persönlich habe ich über Jahre die Auswirkungen von unterschiedlichen Schulleitungen beobachten können und frage mich jetzt, wenn das so weitgehend bekannt ist, wenn ich es in meinem SB und in einem MOOC so klar formuliert finde, warum kommt das dann weiterhin vor? Warum müssen an Schule Beteiligte darunter leiden und sind gezwungen mit Führungsmängeln klarzukommen oder blockierender Gruppenbildung, die sie nicht verursacht haben und auf die sie nur begrenzten Einfluss haben? Ich und andere haben jahrelang unter Folgen von Missmanagement leiden müssen, das schon längst beschrieben wurde und womit sich Theoretiker bereits beschäftigt hatten.

Durch beide Formen des Studiums, die MOOCs und das Fernstudium, die sich hier hervorragend ergänzen, erhalte ich Informationen, die mir einen anderen Umgang ermöglichen. Ich zweifele meine eigene Wahrnehmung nicht mehr an und mir kann auch niemand mehr weiß machen, dass bestimmte Vorgänge korrekt sind. Ich kann ganz genau nachlesen, welche Bewertungskriterien andere für gute Führung aufgestellt haben. Was schlecht ist, ist eben schlecht. Ich bin nicht mehr die inkompetente Mitarbeiterin, der man unterstellen kann, dass sie nicht über eine ausreichende Qualifikation zur Beurteilung verfügt, sondern ich erhalte Rückendeckung und Orientierung.

Auch wenn ich diese Inhalte jetzt nicht für meine Praktikumsbearbeitung verwenden kann, sie helfen sie mir sehr in der Bewältigung vergangener Erfahrungen und in meinem beruflichen Alltag und damit steigt auch die Motivation mir die Texte noch einmal genauer vorzunehmen und die Inhalte so zu lernen, dass ich damit argumentieren kann, ohne vorher noch einmal Genaueres nachzuschlagen.

Referenz:

[1] Kempfert, G. & Rolff, H.-G. (1999). Qualität und Evaluation: Ein Leitfaden für pädagogisches Qualitätsmanagement. Weinheim und Basel: Beltz Verlag.

Schule, Individuum und Gesellschaft

Heute bin ich durch einen Kommentar, den ich zu einem älteren Artikel über Hüther geschrieben habe, darauf gestoßen, dass ich eigentlich immer die Vorstellung hatte, dass Schule für die Bildung des Einzelnen gedacht ist. Ich hatte auch immer die Vorstellung, dass es die Aufgabe von Schule ist, den oder die Einzelne so gut wie möglich zu fördern. Nun schreibe ich aber einen Kommentar, der ganz anders klingt: 

 „… Die Institution Schule hat einerseits für die Gesellschaft verschiedene Funktionen zu erfüllen, andererseits ist sie ein autopoiedisches System. Das schulische System übernimmt die Aufgabe in Reaktion auf dominierende gesellschaftliche Vorstellungen Gesellschaft im Zusammenspiel mit eigenen Vorstellungen zu reproduzieren. Das bedeutet, im schulischen System werden Vorstellungen dominierender gesellschaftlicher Gruppen von Lernen, Leistung, Sinn und Position umgesetzt, die dabei aber durch einen spezifischen pädagogischen Filter gehen. Dieser pädagogische Filter ist justierbar, das ist im System als Anpassungsmöglichkeit enthalten. Genauso enthalten sind Fluchtoptionen für Eltern. Aber insgesamt spiegelt das schulische System die Ausrichtung der Gesellschaft wieder.

Sogar in diesem Artikel muss mit dem Hinweis auf den Schaden an den Besten argumentiert werden. Es kann nicht mit dem Schaden argumentiert werden, den die Verlierer des Systems durch dessen Selektionsfunktion nehmen. Ein Argument lautet: Schaut, das System nutzt der aktuellen Gesellschaft nicht mehr, denn es verschleudert das dringend benötigte Potential der Besten. Wenn ich in dieser Weise mit dem Artikel weiter machen, dann finde ich eine weitere am Nutzen orientierte Argumentation bei den Kosten der entmutigten Lehrer.

Und plötzlich wird es sehr spannend zu sehen wie Hüther hier eine Kosten-Nutzen Argumentation für pädagogische Änderungen verwendet, aber keine Argumentation, die sich an einer Bedeutung für das Individuum ausrichtet. Er argumentiert mit der Funktion ein gutes Leistungspotential für die zukünftige Gesellschaft zu schaffen und mit den Kosten, die das bestehende System verursacht. Und das gibt einen guten Hinweis darauf wie er die Funktion von Schule für die Gesellschaft und Veränderungsmöglichkeiten einschätzt.

Nicht der Nutzen für das Individuum ist da wichtig, sondern der Nutzen für die Leistungsfähigkeit der Gesellschaft. Potentialentfaltung steht dabei nicht als eigenständiger Wert, um dem Einzelnen ein besseres Leben zu ermöglichen, sondern wird als Nutzen für die Gesellschaft eingesetzt.Jupp, und damit ist mir das erste Mal aufgefallen, dass es sich so präsentiert nur um den Vorschlag für ein Update des Bestehenden handelt. Keine tatsächliche Neuorientierung…“ 24.8.2014 auf Facebook

Jetzt bin ich über mich selbst reichlich verwundert, und außerdem bestärkt sich mein Eindruck, dass ich in der Vergangenheit meistens viel zu oberflächlich gelesen habe. Ich hatte den Artikel schon vor längerem überflogen, damals habe ich ihn aber nur in Hinblick auf den Nutzen für das Individuum wahrgenommen. Mit einem momentan anderen Auseinandersetzungshintergrund tritt das Individuum aber zurück und die Funktion von Schule für die Gesellschaft hervor. Und ich stelle mir das erste Mal die Frage, wie eigentlich das Verhältnis zwischen Schule, Individuum und Gesellschaft aussieht. Ist Schule überhaupt für das Individuum da? Oder das Individuum als Material, als human resource, also als Humankapital für die Gesellschaft, das gesellschaftlichen Ansprüchen entsprechend geformt, bewertet und verwendet wird?

Erstaunlich ist bei diesen Überlegungen auch, dass es möglich ist solche Inhalte zu studieren, ohne die damit verbundenen Dimensionen überhaupt zu erfassen. Gehe ich davon aus, dass es eine gesellschaftliche Aufgabe ist das Individuum so gut wie möglich bei seinem Bildungsprozess zu unterstützen, so ergeben sich daraus andere Anforderungen als wenn ich es als Aufgabe von Schule betrachte den Nachwuchs gesellschaftlich passend zu formen und dabei die jeweilige Eignung für Positionen in der Gesellschaft zu bestimmen. Lass ich den individuellen Nutzen fallen und konzentriere mich auf den zweiten Punkt, so verschwinden Problematiken, die ich mit dem schulischen System habe. Plötzlich ergibt das Ganze einen Sinn und scheinbare Widersprüche lösen sich auf. Institutionelle Diskriminierung wird zu einer wichtigen Funktion, für die das System die passenden Legitimationen zu finden hat. Möglichst so überzeugend und dabei auf der Akzeptanz von entsprechenden gesellschaftlichen Ungleichheiten basierend, dass alle Beteiligten ihnen mit möglichst geringen Unwohlgefühlen zustimmen können. 

Schule hat die Funktion Gesellschaft zu reproduzieren. Damit hat sie auch die Aufgabe den Umgang mit gesellschaftlicher Ungleichheit entsprechend der gerade existierenden Vorstellungen zu reproduzieren. Zum Verständnis von dem was an Schulen vor sich geht, ist es wenig hilfreich Schule als eine Einrichtung zu verstehen, die jedem Individuum optimale Förderung und Entwicklung ermöglichen soll. Darum geht es letztlich gar nicht. Entsprechende Bemühungen sind vor allem dazu gedacht die Akzeptanz oder das Image des Systems zu verbessern. Vor allem geht es darum Unterschiede festzustellen, um darauf aufbauend begründet und mit Messsystemen untermauert selektieren zu können. 

Für mich bedeuten diese Überlegungen die Abkehr von Illusionen. Das ist hilfreich, da mein Blick dadurch nicht mehr von Ansprüchen überlagert wird, die vom schulischen System und seiner Funktion für die Gesellschaft gar nicht umfasst werden. Schule soll differenzierende Unterschiede herstellen, Schule soll die nach ihren Maßstäben Besten herausfiltern, Schule muss keine Perspektiven für diejenigen bereitstellen, die ihre Anforderungen nur unzureichend oder schlecht erfüllen. Hört sich für mich erst einmal recht finster an, aber genau so kann Schule auch interpretiert werden. 

Defizitorientierung

Es geht durchaus Theorien und Begriffe nur in sich zu verstehen und das zu genießen; sie mit Vorkommnissen im alltäglichen Leben verbinden zu können, erweitert jedoch die Freude am Verstehen beträchtlich. 🙂

Ich unterhalte mich mit einem Mädchen, das die vierte Klasse abgeschlossen hat und jetzt eine weiterführende Schule besuchen wird, und wir kommen im Gespräch auf eine Mitschülerin zu sprechen, die wir beide kennen. Ich erzähle, dass dieses Kind in den letzten Monaten eine sehr große Begeisterung an Bücher entwickelt hat, so dass sich ihre Mutter schon Sorgen darüber gemacht hat, dass sie sich zu wenig bewegt.

Sehr überrascht war ich über die Antwort meiner kleinen Gesprächspartnerin, als sie bei der Beschreibung der Begeisterung des anderen Kindes sofort entgegnete, die sei aber beim Vorlesewettbewerb schlecht gewesen. Ich war verblüfft, und spontan erklärte ich, dass in meinen Augen Vorlesen ja durchaus etwas anderes ist als Lesen.

Der Vorfall gehört zu den Dingen mit denen sich mein Verstand aus einer Irritation heraus im Hintergrund weiter beschäftigte. Dabei fand er heraus, dass es die Defizitorientierung des Kindes war, die ich auf Werte zurückführe, die aus dem schulischen Unterricht oder aus der Familie oder aus beidem stammen.

Ich bin Kinderbetreuerin und ich bin das sehr gerne. Für meine Arbeit muss ich u.a. darauf achten was die Kinder unter meiner Obhut mögen und gerne tun, damit ich sie dabei unterstützen kann. Gelingt es mir alle Kinder zufrieden zu stellen und sie dabei so zu unterstützen dass sie für sich selbst sinnvoll beschäftigt sind, so kann ich mich auf die Verbesserung des sozialen Miteinanders und die Verbesserung der Bedingungen der Aktivitäten konzentrieren oder auch neue Ideen anregen.

Bei einem Kind das gerne und viel liest gleich zu betonen dass es beim Vorlesewettbewerb schlecht abschneidet, ist für mich daher reichlich verrückt. Ich empfinde es als einen Akt der Herabsetzung. Das Tolle, Begeisternde, Besondere wird durch die Nichterfüllung der Normvorstellungen eines Wettbewerbs, bei dem es außerdem immer nur einige wenige Gewinner gibt, dadurch reduziert, dass ein Defizit aus einem scheinbar zugehörigen  Bereich betont wird. Es wäre ja durchaus möglich sich mit dem Kind zu freuen, zu fragen was es bevorzugt, ob es noch mehr damit macht, ob es vielleicht sogar aus eigenem Antrieb Geschichten schreibt oder auf die eigenen Interessen und Erfahrungen in dem Bereich zu verweisen, vielleicht sogar von sich selbst zu erzählen.

Dieses Mädchen vor mir hat am Ende der vierten Klasse gelernt, einen offiziell gemessenen Defizit zur Schmälerung der Bedeutung des Handelns einer anderen, vergleichbaren Person zu verwenden. Das ist für mich gruselig! Ich kenne die genauen Hintergründe und Zusammenhänge zwar nicht, bin aber überzeugt dass es sich hier auch um ein Produkt der über die Schule vermittelten Norm- und Leistungsvorstellungen handelt.

Als ich weiter darüber nachdenke erscheint es mir dann immer mehr so, dass meine Gesprächspartnerin nur die Position des anderen Kindes  in der schulischen Hierarchie für mich genauer bestimmen wollte, bei der dem Kind die Begeisterung für das Lesen wohl keine Hilfe war.

Damit bin ich dann beim Zusammenhang von Defizitorientierung und der Hierarchie gesellschaftlicher Positionen angelangt. Begeisterung für Lesen kann schlechtes Abschneiden im Vorlesewettbewerb hier anscheinend nicht ausgleichen. Überhaupt scheint es so, dass man für eine höhere Position bestimmte Kriterien erfüllen muss, die durch Defizite geschmälert werden. Was sind aber eigentlich diese Defizite?

Für die Bestimmung von Defiziten muss es Vorstellungen geben, wie das Nichtdefizitäre aussieht. Die Vase an der ein Stück für die vollständige Form fehlt beispielsweise. Da fällt mir allerdings Kunst ein und Kreativität. Spiel herum, schaff etwas das hinten und vorne nicht mit vorhandenen Vorstellungen übereinstimmt und finde gerade dadurch etwas interessantes Neues.

Ich glaube, genau darin liegt für mich das Problem. Erfülle vorgegebene Kriterien, strebe dort die Perfektion an und du wirst nur das bereits Bekannte reproduzieren. Spiel herum, probiere aus, sieh das Potential in den Dingen, die neuen Kombinationen, die Ideen der vielen, die sich miteinander verbinden, und vielleicht wird daraus das Besondere erwachsen, das Neue, das Verändernde.

Defizitorientierung ist aus vielen Gründen problematisch. Ich glaube für mich ist sie vor allem eine Spaßbremse, eine Blockade von Ideen, von Austausch, von Miteinander, von Kreativität und von Erweiterung des Geistes. Aber innerhalb eines Systems das danach Positionen vergibt, die für die Lebenschancen und das Selbstwertgefühl wichtig werden, kann auf diesem Weg das Bestehende verfestigt werden. Und plötzlich ist das Gewinnen durch Erfüllen der Vorgaben wichtig und die Begeisterung für die Dinge hilft nicht weiter…