Bildungsmäuschen

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Mit der Unvollständigkeit zu leben lernen

Da hänge ich nun so rum und komme mit meiner BA nicht zu potte und bin mit massiven Zweifeln und Auflösungsprozessen konfrontiert, da hüpfen in mein zu frühes Aufwachen ein paar Vorträge aus der Reihe Wissenschaft für Schlaflose. Ulrich Beck habe ich gerade noch so erwischt, dann Ute Stallmeister von der Stiftung Weltbevölkerung, danach ein Bildungsökonom, Ludger Wößmann und zum Schluss Elisabeth Beck-Gernsheim mit einer Frauenperspektive. Das jeweilige Thema ist nicht so wichtig, ich achte mehr darauf wie sie es machen.

Außer bei Stallmeister fehlen mir bei allen wichtige Aspekte. Was mir jeweils fehlt ist allerdings an sich nicht so wichtig. Im Gegensatz zu den anderen stellt Stallmeister ein ganz konkretes Projekt vor. Sie kann Problemfeld und Maßnahmen beschreiben und auf die Frage eines Zuhörers, ob diese Grenzen nicht zu eng sind, verweist sie auf die beträchtlichen Erfolgsmöglichkeiten, die innerhalb dieser Grenzen bestehen. Es reicht als Rechtfertigung aus, sich nur auf den gewählten Bereich zu konzentrieren.

Bei allen anderen sieht es anders aus, da sie sich zwar auf bestimmte Aspekte ausrichten, dort aber nicht eingrenzen. Alle müssten sie eigentlich für eine vollständige Analyse sämtliche relevanten Einflussfaktoren erfassen. Auf Grund meiner eigenen Kenntnisse kann ich für alle drei wichtige fehlende Aspekte bestimmen. Eine Vollständigkeit sehe ich nicht und einen Moment lang bin ich damit höchst unzufrieden. Mehr kann Wissenschaft nicht leisten?

Zur Zeit komme ich auf eine sehr unaufgeregte Art mit Problemen zurecht. Auch wenn sie mich sehr belasten. Meine BA nicht zusammen zu bekommen belastet mich, aber wenn ich jetzt beobachte, dass auch in den Vorträgen der Wissenschaftler gravierende Lücken sind und man sowieso alles auch anders interpretieren könnte, so hilft mir das weiter meine eigenen Ansprüche herunterzuschrauben und mich an Unperfektion zu wagen. Es geht nur um Diskurse, nicht um die letzte Wahrheit oder das vollständige Bild.

In einem Facebookthread erinnert mich eine Kommilitonin an die hermeneutische Spirale. In diesem Moment verstehe ich sie als eine Bewegung des Verständnisses, die das Verständnis immer wieder auf Vollständigkeit überprüft und dabei immer wieder zu Lücken, Unklarheiten und Ungereimtem zurückgeht, um dann erneut das Gesamtverständnis zu überprüfen

Es stellt sich dann für mich die Frage, wie ich innerhalb eines nicht endenden Prozesses einen Zwischenzustand sinnvoll erfassen kann…

Für Wissenschaft relevant nachweisen

Ich werfe regelmäßig einen Blick darauf welche Seiten von anderen auf meinem Blog aufgerufen wurden und lese manchmal nach, was andere da zu lesen bekommen haben könnten (wenn sie denn die Seite auch tatsächlich gelesen haben). Bevor ich dieses Mal meinen Beitrag verfasse, erhalte ich auf diese Weise einen Rückblick auf meine Situation vor zwei Monaten und die steht in direktem Zusammenhang mit dem was momentan für mich Fragen aufwirft. Im Vergleich dazu bin ich voran gekommen, auch wenn es mir so vorkommt, als hätte ich in der letzten Zeit wenig zum Thema Emotionen gearbeitet. Es scheint aber nicht so zu sein, ich scheine nur ganz anders vorzugehen als in der Zeit, als ich viel gelesen habe.

Bei einer erneuten Beschäftigung mit dem Konzept für meine Bachelorarbeit bleibe ich an der Frage hängen, wie ich meine Annahmen zu Emotionen nun wissenschaftlich abgesichert belegen kann. Das Ringen, dass ich ich Ende Juli beschrieben habe, ist längst verschwunden. Ich nehme Emotionen in einer anderen Weise wahr als früher und wende das fortlaufend in verschiedensten Situationen und bei verschiedensten Problematiken an. Manchmal in Zusammenhängen, die für andere schwer nachvollziehbar sind, gerade wenn ich mich veranlasst fühle irgend einen Gegenstand aus dem Blick von Emotionstheorien zu analysieren, ohne dass diejenigen, denen ich etwas erläutere, damit vertraut sind. Besser funktioniert es bei praktischen Anwendungen. Meine Befähigung zu deeskalierender Argumentation zur Unterstützung anderer in emotional aufgeladenen Situationen ist merklich gestiegen. Ebenso meine Befähigung mit emotional belastenden Situationen entspannter umzugehen.

Ich bin nun mit dem Problem konfrontiert, dass ich bei mir selbst Veränderungen durchgeführt habe, die zu einem anderen Bewusstsein führen, das zwar auch mit andere Handlungsmöglichkeiten in Verbindung steht, es ist aber ursächlich diese veränderte Sicht, die jetzt den Unterschied ausmacht. Das geschieht in dem was der Behaviorismus zur Black Box erklärt hat, um genau dieses Problem umgehen zu können, dass diese inneren Vorgänge so wenig greifbar sind und subjektiv erfahren werden. Bildung wirkt nun aber durchaus in dieser Black Box und verändert dabei den Menschen an sich. Diese Veränderung  geschieht im Inneren und drückt sich dann nach außen aus. Es geht dabei um diese so schwer fassbaren Teile, die auch als Geist oder Bewusstsein bezeichnet werden und damit im Zusammenhang stehen Fragen nach wissenschaftlichen Arbeitsmethoden, die solche Faktoren in einer Weise erfassen können, dass dies ernst genommen werden kann und dass nicht nur reine Behauptungen aufgestellt werden.

Gestern postete eine Kommilitonin einen Link zu einem Artikel, der besagt, dass der japanische Erziehungsminister eine Anordnung erlassen hat, dass japanische Universitäten die Bereiche Sozial- und Humanwissenschaften reduzieren und ihr Angebot auf Bereiche konzentrieren sollen, die dem Bedarf der Gesellschaft besser nutzen. Im einzigen Leserkommentar heißt es: „The world doesn’t need people pretending to be experts on children, or on relationships, or feelings, we don’t need social workers and psychologists…“ Ich musste schmunzeln, weil ich mir sicher bin, dass die Haltungen von Kommentator als auch Erziehungsminister auf unzureichendem Wissen basieren. Aber… wie belege ich so etwas? Wie belege ich, dass es einen Unterschied macht wie ein Mensch die Welt wahrnimmt und dass eine bestimmte Art der Wahrnehmung einen hohen Nutzen hat? Und das nicht nur für das einzelne Individuum, sondern auch für die Gesellschaft.

Mich selbst kann ich sehr leicht überzeugen. Wenn ich Vorgänge besser erklären kann als zuvor, wenn mein Verständnis wächst, wenn ich zu sinnvolleren Handlungskonsequenzen komme, wenn ich Probleme verringere und Resilienz erhöhe, dann ist das für mich ein deutlicher Beleg dafür, dass verwendetes Wissen ein Gewinn ist. Das ist aber zuerst einmal ein subjektiver Eindruck und betrifft zuerst einmal mich als einzelne Person. Gut, ich vermittele das an eine andere Person, sie wendet es erfolgreich an, ich fühle mich bestätigt und bin eher bereit mein Wissen und meine Erfahrungen weiterhin an andere zu vermitteln. Das scheint mir aber alles noch kein für Wissenschaft relevanter Beleg.

Das ist momentan also mein Problem. Mich selbst habe ich vom Nutzen von Wissen zu Emotionen aus neueren wissenschaftlichen Erkenntnissen überzeugt, durch die Anwendung lassen sich für mich Verbesserungen erreichen, das geschieht aber dadurch, dass die Sichtweise einer Person geändert wird – das Bewusstsein, die Ausrichtung der Achtsamkeit. Und – ja, das ist Bildung. Nicht mehr die Schatten an der Höhlenwand stehen im Fokus und werden als unmittelbarer Eindruck der Wirklichkeit erfahren, sondern der Blick wird von dem angezogen, das die Schatten wirft.

Es ist eigenartig, dass mir an dieser Stelle das Höhlengleichnis von Platon in den Sinn kommt. Es stammt vom Beginn meines Studiums. In Bezug auf Wissen zu Emotionen ist es aber ein hervorragendes Bild. Auch in dem Teil, in dem derjenigen, der sich umgewendet hat, zurückkehrt und den anderen davon berichtet, dass sie nur die Schatten die Dinge betrachten. Platon beschreibt verschiedene Vermittlungsprobleme der Zurückkehrenden.

Von Platon ausgehend ist der Weg des Beweises die Erfahrung und Erkenntnis nachvollziehbar zu machen. Es ist das, was ich mit dem an mich weitergegebenen Wissen zu Emotionen tue. Ich versuche es in der Anwendung zu erfahren. Ich bin eine, die aus der Höhle gelockt wurde, und sich jetzt unter einem neuen Himmel zu orientieren versucht.

Gut – das sind jetzt alles nette Bilder und machen für mich auch besser verstehbar, warum die einen darauf achten und die anderen eben nicht, die mir aber bei dem Problem nicht weiterhelfen wie ich das nun alles in eine für Bildungswissenschaft angemessene Form der Vermittlung bringe.

Ich denke, an dieser Stelle brauche ich wirklich mal die Hilfe von anderen.

Verschiedene theoretische Ansätze zu Emotionen

Noch immer wünsche ich mir eine klare und übersichtliche Antwort dazu was Emotionen sind und wie sie funktionieren. Nach einer Zeit, in der Emotionen in wissenschaftlichen Disziplinen nur eine geringe Beachtung gefunden hatten, ist in den letzten Jahrzehnten zwar einiges an Wissen dazu generiert worden, lässt man sich auf das Thema jedoch ein, so findet man in der wissenschaftlichen Literatur eine Situation vor, die durchaus verwirrend wirken kann.

Ganz zu Beginn meines forschenden Lesens stand ein neu überarbeitetes, 2014 erschienenes Buch zur Emotionspsychologie, das für die Definition von Emotionen nur eine Arbeitshypothese entwarf. Ich fand das merkwürdig und unbefriedigend und wollte nicht glauben, dass es sich um den aktuellsten Stand handeln könnte, und habe allein schon daher monatelang kreuz und quer gelesen. Einen gewissen Überblick habe ich dabei zwar gewonnen, es ist jedoch vor allem ein Überblick über eine Fülle von Ansätzen und Einzelaspekten, ganz genau so wie es das Buch zur Emotionspsychologie bereits angekündigt hatte. Nach monatelangem Lesen bin ich nun anscheinend nicht weiter, sondern nur tiefer vorgedrungen.

Etwas in mir ist damit ausgesprochen unzufrieden und erwartet  immer noch eine ganz andere Art von Antwort. (Bitte, bitte, schenkt mir eine einfache Auflösung!)

Als ich das International Handbook of Emotions in Education aus dem Jahr 2014 in Händen hielt, hatte ich daher ausgelöst durch die Art des Titels, den Umfang des Buches sowie das Erscheinungsdatum die Erwartung doch noch die neuesten und mich endlich zufriedenstellende Antworten zu bekommen. Doch erneut werde ich enttäuscht. Das Kapitel über Konzepte und Strukturen von Emotionen versucht zwar ganz redlich eine Zusammenfassung von dem, das am weitesten abgesichert ist, es konfrontiert mich dabei aber letztlich mit einem wieder ganz neuen Ansatz der Zusammenstellung von Theorieansätzen zu Emotionen, von denen ich den meisten allerdings bereits in anderer Form begegnet bin und die mir bereits vertraut sind.

Für Emotionen gibt es laut des zweiten Kapitels eine evolutionäre und eine kulturelle Perspektive und sie können als Episoden betrachtet werden. Zusätzlich werden sie als aus verschiedenen Komponenten bestehend betrachtet.

Angeführt werden:

  • Subjektives Gefühl (Erleben)
  • Bewegungskomponente (Ausdruck)
  • Physiologische Komponente (somatische Reaktion)
  • Handlungskomponente (Verhalten)
  • Bewertungskomponente (Gedanken und Vorstellungen)

Emotionen können gegen andere affektive Zustände abgegrenzt werden, auch wenn die Grenzen manchmal etwas schwierig zu ziehen sind. Dabei handelt es sich um:

  • Stimmungen
  • Einstellungen
  • Präferenzen
  • Affektive Dispositionen

Nach Shuman und Scherer (2014) besteht darin Übereinstimmung, dass Emotionen Episoden mit multiplen Komponenten sind, die durch Evolution und sozialen Kontext geformt werden und auf vielfachen Wegen ausdrückbar sind.

Sie bestimmen vier verschiedene Ansätze für die theoretische Bestimmung. (Ausführlicher hier).

  • Basic Emotions Theories
  • Appraisal Theories
  • Psychological Constructivist Theories
  • Nonlinear Dynamic Systems Theories

Alle Ansätze sind schlüssig, können zum Teil verbunden werden und es gibt für alle mehr oder weniger empirische Belege. Die verschiedenen Ansätze betrachten Emotionen allerdings durchaus sehr unterschiedlich, was Auswirkungen hat auf:

  • die davon abzuleitende Regulation von Emotionen
  • das Verhältnis von Emotionen untereinander
  • die bevorzugten Messmethoden

Die Auswirkungen auf Regulation, Messmethoden sowie die Implikationen für die Art des gewonnenen Wissens durch unterschiedliche Ansätze führen Shuman und Scherer etwas genauer aus und empfehlen zum Schluss auf die Art der eigenen Vorurteile zu achten, wenn man im Bildungsbereich zu Emotionen forscht.

Es war nicht das was ich mir erhofft hatte, nach all meinem Vorwissen habe ich jedoch nichts daran zu beanstanden. Ich habe schon bemerkt, dass ich meine eigenen Überlegungen einbeziehen muss, auch um die Beiträge anderer nachvollziehen und einordnen zu können. Es fällt mir nur ausgesprochen schwer einen Zustand zu akzeptieren in dem ich keine immer gültigen Antworten erhalte, sondern in dem ich damit umgehen muss, dass etwas in einer bestimmten Weise sein kann, aber auch ganz anders. Oder verschiedene Modelle Erscheinungen gleichermaßen erklären können, bzw. manche Aspekte besser und andere schlechter, und das ohne sich gegenseitig dabei auszuschließen.

Ich kann alle vier der hier aufgeführten Theorieansätze nachvollziehen und in jedem Fall Belege für ihre Gültigkeit finden. Und dennoch kann ich nur schwer ein Gesamtbild daraus zusammenfügen. Für mein Denken ist das ein verdammt harter Brocken, da ich den starken Wunsch nach einem stimmigen Bild in mir finden kann, der letztlich nicht befriedigt wird. Dadurch finde ich in mir eine Unruhe, die mich allerdings weiter antreibt.

Referenz:

Schmidt-Atzert, L., Peper, M., Stemmler, G. (2014). Emotionspsychologie. Ein Lehrbuch. Stuttgart: Kohlhammer.

Shuman, V. & Scherer, K. (2014). Concepts and Structures of Emotions. In: Pekrun, R. & Linnenbrink-Garcia, L. (Hrsg.). International Handbook of Emotions in Education.  New York: Routledge.

Irgendwie anders und wissenschaftliche Arbeit

Es gibt ein Kinderbuch mit diesem Titel. Es ist meine Geschichte und die vieler anderer. Sie ist der eigentliche Grund warum ich bei der Auseinandersetzung mit Rassismus gelandet bin. Irgendwie anders beinhaltet, dass ich mir die Welt auch irgendwie anders erkläre. Und dazu gehört, dass ich mir Welterklärungen der wiederum anderen häufig übersetzen muss oder ich muss zumindest den Versuch unternehmen.

Ich rätsele schon lange was die Anforderungen des Lehrgebiets bei der Erstellung einer wissenschaftlichen Hausarbeit an mich sind. Ich habe die Komponenten Theorie und wahrgenommene und beschriebene Wirklichkeit und nun soll ich diese Komponenten zusammenführen. Das soll aber nicht in Form eines Essays oder journalistischen Schreibens erfolgen, sondern nachweisbar (oder nachvollziehbar) und belegt sein. Ich kann dazu meine eigene Argumentationsfigur benutzen, auch meine eigene spezifische (und vielleicht andere) Betrachtung der Welt, aber ich muss dafür Belege finden und dazu muss ich meine Wahrnehmung mit der Welterklärung (Theorie) anderer verknüpfen.

Ich will das, bin bisher aber daran gescheitert. Für mich ist es unglaublich schrecklich, dass ich diese Arbeit ganz allein tun soll wenn ich überhaupt nicht nachvollziehen kann wie von Seiten des Lehrgebiets gedacht wird. Wenn ich noch nicht einmal weiß wie ich meine Probleme in ihre Sprache übersetzen soll. Wenn mir Antworten, die ich bekomme, kryptisch erscheinen. Wenn ich versuche den Inhalt zu analysieren, um aus der dahinter liegenden Denkweise die Anforderungen zu erkennen. Ich brauche eigentlich Übersetzungshilfe, weil ich eure Sprache nicht verstehe!

Gestern habe ich einen großen Schritt vorwärts getan. Mit der bereits systematisierten Vorstellung der bildungswissenschaftlichen Perspektive (als Bild jetzt in Blickrichtung hängend) und der Analyse von zur Verfügung gestelltem Exposés und Ausarbeitung habe ich begonnen die wichtigen Bestandteile der Theorie zu extrahieren, außerdem versucht die möglichen Auswirkungen, also die Formen der Nachteile für die Opfer zu listen und den vermuteten Kern der Erscheinung, die Machtverwendung, irgendwie passend unterzubringen. Es ist unglaublich schwer für mich komplex zu systematisieren, ich brauche dafür auch eine bessere Visualisierungsmöglichkeit. Momentan habe ich geschichtete Zettel, die ich ausbreiten kann und die einfach nur immer mehr werden, was auch nicht gerade hilft das Denken zu systematisieren.

Außerdem musste ich gestern eine irritierende Erscheinung verarbeiten, die eine Weile alle Arbeit in Frage stellte. Für meine Heimatstadt existiert wohl eine geschlossene Facebookgruppe exclusiv für Einheimische, die aber anscheinend nur eine bestimmte Art von Einheimischen als Mitglieder wünscht. Als Differenzmittel wurde anscheinend die Geburt in der Stadt verwendet, was sich aber als nicht ausreichend herausstellte, da in der Stadt auch dort Geborenen leben, die zwar nicht zum gewünschten Personenkreis gehören, aber an der Gruppe teilnehmen wollten oder bereits in der Gruppe waren. Rassistisch? Es ist jetzt nicht notwendig das zu beurteilen. Anscheinend ist eine rassistisch wirkende Argumentation aufgetaucht, aber ich hatte viel zu wenig damit zu tun, um darüber ein Urteil zu fällen und für mich war auch die Reaktion anderer auf diese Erfahrung mit einem vermuteten Auftauchen von Rassismus wesentlich wichtiger.

Es wurde als Reaktion eine offene Gruppe gegründet, die eifrig daran ging Mitglieder zu sammeln und mit einer Begegnung in Freundschaft und ohne Zank warb. Tenor: vertragt euch alle, seit nett miteinander, lasst uns was Gutes beginnen, jeder kann mitmachen, alles ganz einfach, lasst einfach allen Streit draußen. Bedingt durch die Funktionsweise von Facebook bekam ich die letzten Tage fortwährend Beiträge zu der Gruppe auf meine Startseite mit enthusiastischen Begrüßungen neuer Mitglieder, Bilder der wunderschönen Stadt, Ankündigung von einem Fest bei Erreichen einer bestimmten Mitgliederzahl oder Guten-Morgen-Grüße. Friede, Freude, Party. Inhaltliche Beiträge dagegen so gut wie keine. Mir wurde einerseits immer gruseliger, andererseits fing es an zu nerven und vor allem irritierte es meine Arbeit mit Memmis Rassismustheorie und deren Übertragung  kolossal. Es ist so unglaublich schwierig klar zu bestimmen was rassistisch ist, wie das Ganze funktioniert, wie man die Theorie überträgt und was für Handlungskonsequenzen sich daraus ergeben. Friede, Freude, Party fegt das alles vom Tisch, behauptet wenn wir uns nur alle richtig verhalten sind alle Probleme beseitigt und ja, wir sind die Guten.

Weil ich irgendwie anders bin und auch irgendwie anders bleibe spüre ich, dass sich dadurch nicht tatsächlich etwas ändert. Es führt dazu die Dinge zu verschleiern und zu verbergen. Es schafft vorübergehende Erleichterung, es organisiert Gemeinsamkeit auf einem extrem niedrigen Level, aber wann kommt der große Kater? Wie lange halten Hochstimmung und Partylaune an? Und was passiert in der anderen Gruppe, die zu den Bösen gemacht werden? Und überhaupt: was konstituiert sich hier für eine Gruppe unter welchen Vorzeichen? Wir können das was ihr nicht könnt, wir können diese Stadt erneuern! Schließt euch uns und unseren Ideen an und alles wird gut! Welche Ideen? Wo sind die formuliert? Wo werden die von wem diskutiert? Wer sind die Tonangebenden? Was sind deren Interessen? Wie sind sie in den Machtstrukturen verortet?

Inzwischen habe ich genug theoretische Texte gelesen um zu wissen, dass ich mit meiner Wahrnehmung nicht allein dastehe, dass gute Absichten, das Vermeiden bestimmter Verhaltensweisen und der Versuch der Gleichbehandlung Rassismus auch bei denjenigen, die strategisch so vorgehen, noch lange nicht beseitigen.

Wir sind nicht alle gleich. Wir werden es nie sein. Wir leben in Machtkonstellationen. Wir sind eingebettet in eine lange Geschichte rassistischer Weltbetrachtung. Wir leben in einer postkolonialen Welt. Wir lösen unsere Probleme nicht indem wir ihnen nicht auf den Grund gehen. (Was nicht bedeutet dass wir unsere Probleme lösen wenn wir ihnen auf den Grund gehen, aber ich denke unsere Chance erhöht sich.)

Diese permanente Konfrontation mit als belanglos und gerade dadurch bedrohlich wirkender Hochstimmung hat mich irritiert und frustriert, gerade weil es um eine Sache geht, die sich mit einer guten Absicht präsentiert und schnell viele Leute angesprochen hat. Das hat mich schon ins Zweifeln gebracht. Ich habe dann eine Möglichkeit gefunden die Meldungen selektiert auszuschalten und meine Startseite präsentiert sich nun wieder in gewohnt ruhigerer Form. Konfrontation bestimme jetzt ich (die Gruppe ist ja offen einsehbar), sie wird mir nicht mehr aufgezwungen, und ich fühle mich auch nicht mehr in einen bedrohlich wirkenden Taumel hineingezogen, in dem sich alle ihrer guten Absichten versichern und dass sie gute Menschen sind, sich lieben und allein aus dieser Tatsache heraus alles besser machen werden.

Diese Erfahrung hat mich letztendlich aber wieder ziemlich stark motiviert weiterzumachen. Wissenschaftlich. Möglichst. Ich muss es schaffen meine Theoriebeschäftigung und meine Wahrnehmung in eine sinnvoll verwendbare Form zu bringen. Ich brauche mehr Systematik, mehr Klarheit, weniger Zweifel, mehr Eindeutigkeit. Also erneut ran an den Stoff! Ganbatte ne!